15. Jubiläum Kooperationsvertrag Tschechien/Bayern

Rede des Alt-Kammerpräsidenten Prof. Dr.-Ing. e.h. Karl Kling anlässlich des 15. Jubiläums der Unterzeichnung des Kooperationsvertrages zwischen den tschechischen und bayerischen Bauingenieuren.

CESKY SVAZ STAVEBNICH INZENYRU –
TSCHECHISCHE KAMMER DER AUTORISIERTEN DIPL.-BAUINGENIEURE UND BAUTECHNIKER

Festveranstaltung Karlovy Vary – Karlsbad
Mittwoch, 10. Juni 2009, 12:00 Uhr

Sehr geehrter Herr Regionspräsident Vary Dr. Novodny,
sehr geehrter Herr Dipl.-Ing. Svatopluk Zidek,
Exzellenzen,
sehr geehrter Herr Kammerpräsident a. D. Dipl.-Ing. Vaclav Mach,
sehr geehrter Herr Kammerpräsident a. D. Dipl.-Ing. Jan Kysel,
sehr geehrter Herr Präsident Dipl.-Ing. Pavel Krecek,
sehr geehrte Frau Dipl.-Ing. Ludmila Machova,
sehr geehrter Herr Präsident der Bundesingenieurkammer Deutschland Dr.-Ing. Jens Karstedt,
sehr geehrter Herr Präsident der Bayer. Ingenieurekammer Bau, Dr.-Ing. Heinrich Schroeter,
sehr geehrter Herr Bundesgeschäftsführer Rechtsanwalt Thomas Noebel,
sehr verehrte Ehrengäste aus Tschechien, der Slowakei, aus der Bun-desrepublik Deutschland,
liebe Kolleginnen und Kollegen, Ingenieure und Architekten,
liebe Freunde:

 

• Dies ist eine bewegende, festliche Stunde. Die Erinnerungen rei-chen zurück. Am 29. Juli 1994 geschah es im Kloster Tepl. Dipl.- Ing. Vatzlav Mach und Dipl.-Ing. Miloslav Pavlik unterschrieben gemeinsam mit mir für den tschechischen Verband der Diplom-Bauingenieure und die tschechische Kammer den Kooperations-vertrag.
• Es war der erste Vertrag, den eine Kammer in der Bundesrepublik Deutschland mit einem anderen Land vereinbarte. Dies, mit ausdrücklicher Zustimmung der Bayerischen Staatsregierung und des späteren Bayer. Ministerpräsidenten Dr. Günter Beckstein. Es war nachdrücklich politisch begrüßt worden, den Schritt über na-tionale Grenzen zu gehen.
• Am 22. Juli 1995 folgte die Unterschrift von Dipl.-Ing. Jan Kysel, dem Präsidenten der Slowakischen Kammer. Dies war der zweite Kooperationsvertrag der Bayerischen Ingenieurekammer. Sachsen und Berlin folgten, die Partnerschaften waren begründet.
• Jahre, bevor Europa zusammenfand, trafen wir uns auf gleicher Augenhöhe. Visionen einer Europäischen Zusammenarbeit sollten vereinbart werden. In der Präambel war der europäische Bin-nenmarkt angesprochen: Die Zusammenarbeit auf freundschaftli-cher und kollegialer Basis. Information, Öffentlichkeitsarbeit, Fortbildung, Wissenschaft, Gesetzgebung, fachliche Zusammen-arbeit war unser Ziel.
• Es war eine Sternstunde: Ingenieure waren und sind Brücken-bauer. Wir wollten über unsere damals noch nicht offene Grenzen tragen: die Solidarität der Kammern und Verbände. Das Tren-nende wie Grenzen sollten überwunden werden. Wir wollten uns zusammenfinden auf Gegenseitigkeit mit Respekt, Achtung und ethischer Verantwortung für das Gemeinwohl. Kammern und Verbände wurden vereinbart als Ansprechpartner für Planen und Bauen. Für die Bauwirtschaft und für Projekte von gemeinsamem Interesse.
• Nicht zuletzt der Austausch über europäische und nationale Ge-setzgebung, die Normung und Richtlinien. Die Fortbildung über Hoch- und Fachhochschulen, über den jeweils neusten Stand von Wissenschaft, Forschung, Lehre und der praktischen Umsetzung.
• Lieber Svatopluk Zidek, lieber Vatzlav Mach, Miroslav Pavlik, lieber Jan Kysel: Darf ich erinnern an unsere damaligen Nachtge-spräche, wo wir über Visionen und Ziele lange Diskussionen führten? Darf ich noch einmal wiederholen, was uns damals be-wegte? Wird sich Europa behaupten können? Können unsere Na-tionalstaaten sich zu Gunsten einer europäischen Wirtschafts-, Währungs- und Friedensordnung dauerhaft verständigen? Auch das war unser Thema, welche Leiden unsere Völker im Abendland sich gegenseitig in Jahrhunderten angetan haben!
• Sollten wir uns nicht daran erinnern an das 14. Jahrhundert, als Kaiser Karl IV. in Prag 1348 die erste Universität nördlich der Alpen errichtete, wo man damals lateinisch und deutsch sprach?
• Sollten wir nicht auch die Frage als Ingenieure stellen: wo bleiben offene Grenzen und die freie Fahrt nach Prag, Karlsbad, Ma-rienbad, Pilsen und Brünn?
• Muss denn der eiserne Vorhang für immer mit den Schlagbäumen sein?
• Wenn endlich wird die Eiszeit unserer Völker ein Ende haben?
• Können wir nicht an einem gemeinsamen, dynamischen Wach-stumsmarkt uns beteiligen als Sprungbrett in die Länder des Os-tens?
• Sollten wir nicht unseren Kammermitgliedern diesseits und jen-seits zu vermitteln versuchen, dass wir Vorboten sein sollen, spä-terer politischer Entscheidungen aus dem Lernprozess der Ge-schichte?
• Sollten wir nicht Kooperationsverträge schaffen als Fundamente mit Bindungskraft und Bindungswirkung als Handschlag gegen-seitiger Achtung, gebotener Kollegialität und dem festen Willen zur dauerhaften Zusammenarbeit. Zum Abbau früherer Grenzen, zur menschlichen Achtung für jede Kollegin und jeden Kollegen?
• Sollten wir denn nicht Stolz sein, dass wir Botschafter sind einer gemeinsam neu gewonnenen Freiheit, wo die Macht des Staates begrenzt ist, die Rechte der Bürger gesichert und der gemeinsame Wertkonsens einen festen, nicht mehr beugsamen Rahmen hat?
• Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich damals unseren ehema-ligen Bundespräsidenten, Dr. Richard von Weizsäcker, zitiert, der uns in Deutschland gelehrt hatte, dass wir lernen müssen, europä-ischer zu denken, Europa sei vollkommen unvermeidlich, es wer-de eine Zukunft in Frieden und Freiheit ohne Europa nicht geben.
• Wir sind, sehr verehrte Ehrengäste, stolz in dieser Stunde, damals Pfadfinder einer zunächst scheinbar aussichtslosen, historischen Situation gewesen zu sein. Ausgeliefert einer Geschichte verwor-rener, belasteter Wege, wo allein das Ziel,
o das Niederreißen der Schlagbäume,
o die Aussöhnung mit früheren Gegnern,
o dem Abbau von Grenzkontrollen und der
o Versöhnung mit der jüngeren Generation sein konnte.

• Wie recht wir hatten mag das nachdenkliche Zitat unseres ehema-ligen Bundeskanzlers, Helmut Schmidt, sein, der bei seinem Ab-schied aus der Politik formulierte:
• „Nach Jahrhunderten innereuropäischer Kriege ist am Ende des 20. Jahrhunderts der erreichte Stand der Europäischen Integration ein in der Weltgeschichte einmaliger Erfolg. Niemals zuvor und auf keinem anderen Kontinent hat eine so große Zahl von Natio-nalstaaten sich aus freiem Willen zusammengeschlossen.

Auf Teile ihrer Souveränität verzichtet ohne die Sprache, die na-tionale Identität aufgegeben zu haben. Feindschaften, Verletzun-gen und nationale Eitelkeiten wurden hinten angestellt.“
• In diesen Tagen dankte die Deutsche Bundeskanzlerin, Dr. Angela Merkel, der Tschechischen Republik für die positive Abstimmung im tschechischen Senat zum Abschluss und zur Befürwortung in den parlamentarischen Beratungen im jetzt 26. Europäischen Mitgliedsstaats Europas. Dies – so die Kanzlerin – ist eine entscheidende Voraussetzung für den Lissabonner Vertrag: ein Friedensdokument, in einer vielfach von Leid und Krieg heimge-suchten Welt, für eine Führungsrolle Europas für Demokratie und Frieden.
• Lasst uns heute in Karlsbad Freude empfinden. Freude über das gelungene Projekt Europa, Freude über das, was wir vor 15 Jahren als Vision in den Kammern und Verbänden der Ingenieure unserer Länder formulierten.
• Freude, dass wir ungeachtet unterschiedlicher Meinungen und Auffassungen gemeinsam eine tragende Säule in unseren Ländern für das Friedens- und Wohlstandsprojekt Europas sind.
• Freude, dass wir bauen wollen an einer Zukunft für Kinder und Kindeskinder, für ein menschliches Gesicht unserer Bauwerke, der Umwelt, dem Schutz der Ressourcen und einem Leben, das dem Wohl aller Menschen dient.
• Der heutige Tag soll eine zukunftsweisende Wegmarke sein. Eine Markierung für das gemeinsame Ziel eines friedlichen, freiheitli-chen föderalen Europas. Ein Europa für das wir als Ingenieure in besonderer Weise verpflichtet sind: bürgernah, menschlich, sozial, handlungsfähig, demokratisch, tolerant.
• Lassen Sie mich Dank sagen all Jenen, die an den Vertragswerken beteiligt waren in unseren Kammern und Verbänden. Danke dass wir heute erneut Gastfreundschaft erfahren dürfen. Dank für  alle Ingenieure in Deutschland aus Berlin, aus Sachsen und aus meiner weiß-blauen Heimat Bayern.
• Glück auf und Segen für eine gute Zukunft!
 
Prof. Dr.-Ing. e. h. Dipl.-Ing. Karl Kling
Mitglied des Bayer. Landtages a. D.

 

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