Referat Stahlbauseminar Neu-Ulm: Aktuelle Situation und Herausforderungen

Referat von Dr.-Ing. Heinrich Schroeter anlässlich des Stahlbauseminars in Neu-Ulm am 11. Februar 2011. In seiner Rede gibt der Kammerpräsident einen Überblick über die aktuelle Situation und Herausforderungen des Berufsstandes.

Rede zum Runterladen (PDF-Datei)

Sehr geehrter Herr Prof. Lumpe,
meine Damen und Herren,

Wenn wir Ingenieure wissen wollen, welchen Stellenwert unser Beruf in der Gesellschaft hat, können wir die Meinungsforscher beauftragen oder schlicht in die Zeitungen schauen. Dort sollten wir aber auch das lesen, was zwischen den Zeilen steht. Dazu ein Beispiel aus jüngster Zeit.

In der SZ vom 24.1.2011 schreibt Gottfried Knapp über Bonatz, den Architekten des Stuttgarter Hauptbahnhofs: Der Architekt Bonatz habe über 20 Großbrücken gebaut. Tatsächlich wurde er vom Bauingenieur Fritz Leonhard beim Entwurf zu Gestaltungsfragen hinzugezogen. Was würde der Autor des Zeitungsartikels sagen, wenn statt seiner der Schlussredakteur oder gar der Korrektor, der die Schreibfehler ausbessern soll, als Verfasser des Artikels genannt würde? Ein Aufschrei des wirklichen Verfassers wäre das Mindeste gewesen, wenn nicht ein Urheberprozess.

Als Ingenieure sind wir es gewohnt, dass bei Einweihungen und Eröffnungen in den Festreden oft alle möglichen Beteiligten und Unbeteiligten genannt werden, aber nicht diejenigen, die das Bauwerk tatsächlich erdacht, entworfen und verwirklicht haben.

In anderen Bereichen ist die Wahrnehmung des Ingenieurs durch die Öffentlichkeit durchaus anders. Wenn über neue Autos berichtet wird, fließt den Journalisten das Wort „Ingenieurkunst“ leicht aus der Feder. Dort ist es auch ganz selbstverständlich, dass der Aufsichtsratsvorsitzende von Volkswagen ein Ingenieur ist, der Vorstandsvorsitzende ein promovierter Metallurg, während bei Bilfinger-Berger jüngst ein Jurist die Führung übernommen hat, der zuvor seine berufliche Karriere als Anwalt und Politiker gemacht hat.

Offenbar ist es in der Öffentlichkeit immer noch weitgehend unbekannt, welchen Beitrag wir Ingenieure im Bauwesen zur gebauten Umwelt leisten. Wir werden schlicht nicht wahrgenommen.

Die geringe Wertschätzung der Gesellschaft für unseren Beruf lässt sich vor allem auch bei den Gehältern von Bauingenieuren ablesen.

Der VDI veröffentlicht auf seiner Internetseite eine Gehaltsübersicht.
http://www.ingenieurkarriere.de/bewerberservice/beratung/gehaltscheck/gehaltscheck.asp

Sie beruht auf zufälligen Anfragen von Besuchern der Homepage des VDI, ist also nur begrenzt repräsentativ. Leider gibt es keine besseren Zahlen. Auch alle anderen Gehaltsübersichten, die ich gefunden habe, beruhen auf den Zahlen des VDI. Danach verdient ein Projektingenieur Im Fahrzeugbau 50.000 € im Jahr, im Baugewerbe 43.500 und in einem Planungsbüro knapp über 40.000.

Ein Gymnasiast hat mir einmal bei einer Informationsveranstaltung zur Berufswahl ganz deutlich gesagt: „Wenn ich schon ein Ingenieurstudium wähle, dann Maschinenbau. Das Gehalt bei BMW ist deutlich höher als bei Bauingenieuren.“  Vielleicht ist auch so etwas ein Grund für den fehlenden Nachwuchs.

Derzeit ist der Beschäftigungsgrad für Bauingenieure nach Auskunft der Bundesanstalt für Arbeit bei 98%. Es gibt ca. 2000 bei den Arbeitsagenturen gemeldete offene Stellen, denen ungefähr 2000 Stellungssuchende gegenüberstehen. Bei den Stellungssuchenden handelt es sich überwiegend um Personen über 50 Jahre, bei denen ein großer Bedarf an Weiterbildung besteht.

Und es ist nicht zu erwarten, dass sich daran in naher Zukunft etwas ändert: Jährlich gehen derzeit ca. 3000 Ingenieure aus Bauberufen in den Ruhestand. Aus den Zahlen der Studienanfänger kann man mit maximal 2000 Berufsanfängern jährlich rechnen. Das ergibt eine Lücke von 1000 Ingenieuren. Und dies jedes Jahr!

So ist deutlich erkennbar: Der Nachwuchsmangel wird durch den demografischen Wandel verstärkt. Denn es gibt immer weniger „Junge“.

Da stellt sich uns die Frage: Liegt die mangelnde Achtung, die unser Beruf als Ingenieure am Bau von der Öffentlichkeit erfährt vielleicht nicht im Ingenieurberuf an sich sondern an der Branche Bau, an unserem eigenen Verhalten im Beruf und gegenüber der Öffentlichkeit?

Sind wir zu bescheiden?  Haben wir uns mit der Rolle des Hilfsarbeiters abgefunden?  Sind wir zufrieden, wenn wir im stillen Kämmerlein den Entwurf eines Architekten verwirklichen?
Was hindert uns daran, uns aktiv am Entwurfsprozess zu beteiligen, dem Bauherrn eine bessere, wirtschaftlichere und auch gestalterisch bessere Lösung vorzuschlagen?

Dazu kommt, dass gerade der Bereich des Bauwesens durch Normen und Vorschriften mehr als andere Bereiche der Ingenieurtätigkeit eingeengt und gegängelt wird. Dies liegt sowohl an der Baugesetzgebung wie an der juristischen Konstruktion des Werkvertrags. Fast alle anderen Bereiche entwickeln Serien. Dort kann optimiert und erprobt werden. Vor der Produktion steht eine Typenprüfung oder zumindest ein Probelauf.

Wir aber liefern stets Unikate!

Denn bei uns muss der erste Versuch gelingen und mängelfrei sein. Weil es auch um Sicherheit geht, haben wir Vorschriften pflichtgemäß zu beachten, sonst stehen Juristen auf dem Plan und ziehen uns zur Verantwortung.

Zusätzlich müssen wir derzeit mit dem wohl grandios misslungenen Versuch einer europäischen Vereinheitlichung der Baunormen kämpfen. Das macht unsere Existenz, unsere Arbeit, nicht einfacher.

Wir müssen also leider feststellen:
•    Der Ingenieur im Bauwesen:
•    Im Schatten der öffentlichen Wahrnehmung
•    Ein im Vergleich niedriges Gehaltsniveau
•    Nachwuchsmangel
•    Im Beruf behindert durch Überregulierung

Aber klagen hilft nicht - Selbst engagieren ist gefordert. Was kann jeder Einzelne in seinem Umfeld tun?

Ganz wichtig ist es, sich immer wieder fachlich weiterzubilden. Nur so können wir die fachliche Kompetenz behalten, die uns zu unverzichtbaren Partnern im Planungsprozess macht. Und ganz nebenbei wird die Gefahr, ins berufliche Abseits zu geraten, deutlich geringer.

Für Büroinhaber ein Rat: Schluss mit Selbstausbeutung! Als Auftragnehmer muss man sich seines Wertes bewusst sein. Wenn man Auftraggeber zum Beispiel damit konfrontiert, was die Stunde eines Kfz-Mechanikers im Vergleich zu der Stunde eines Bauingenieurs kostet, kann man einiges erreichen.

Gemeinsam können wir in Berufsverbänden und Kammern allerdings mehr erreichen: Wir müssen Druck auf die Politik, auf jeden einzelnen Abgeordneten ausüben, um eine auskömmliche Honorarordnung zu erreichen. Nur mit kostendeckenden Honoraren können auch auskömmliche Gehälter gezahlt werden, die dem Vergleich mit anderen Berufsgruppen standhalten. Irgendwie empfinde ich es als eine Schande, dass die Gehälter in den Planungsbüros am unteren Rand der allgemeinen Ingenieurgehälter liegen.

Wir sollten mehr Selbstbewusstsein entwickeln: Bei Wettbewerben habe ich oft gesehen, dass Ingenieure ihre Arbeiten zu nüchtern und zurückhaltend präsentieren. Manchmal derart bescheiden, dass der wesentliche Wettbewerbsgedanke gar nicht sichtbar wird.  Wir müssen es lernen, unsere Arbeit öffentlichkeitswirksam darzustellen.

Wir müssen mit den Architekten gleichziehen. Architekten lernen im Studium, ihre Arbeitsergebnisse zu präsentieren. Sie praktizieren dies in Wettbewerben. Deswegen werden sie auch wahrgenommen. Nur wenn auch wir lernen, unsere Ideen darzustellen, werden wir Erfolg haben.

Diese sogenannten „soft skills“ werden von uns Bauingenieuren allzu gering geschätzt. Und gerade weil wir diese soft skills nicht beherrschen, werden wir nicht wahrgenommen.

Wir müssen Selbstbewusstsein auch bei der Normung zeigen:
•    Üben Sie Kritik.
•    Schreiben Sie dem NABAU beim DIN Ihre fachliche Kritik.
•    Machen Sie Einwendungen im Normungsverfahren.
•    Engagieren Sie sich in den Berufsverbänden und Kammern.

Von diesen wurde jetzt ein Verein zur Unterstützung der Praxis in den Normenausschüssen gegründet. Wir wollen mehr Praktiker in die Normenausschüsse bringen. Der Verein soll diesen Kollegen, die kein Institut zur Verfügung haben, finanzielle und fachliche Unterstützung geben. Nur wenn es gelingt, den Praktikern im Normungsverfahren eine Stimme zu geben, wird sich etwas ändern. Aber dazu sind auch Personen notwendig, die bereit sind, sich einzubringen und mitzumischen.

Es ist nicht alles schrecklich und hoffnungslos. Denn wir können unsere Situation ändern. Wir sollten immer das folgende im Auge behalten:
•    Mehr Selbstbewusstsein
•    Fachliche Kompetenz bewahren
•    Bessere Darstellung unserer Gedanken
•    Kampf um bessere Honorare
•    Gemeinsames Eintreten für bessere Normen

Ich finde, wir haben, trotz mancher Unzulänglichkeiten, einen wunderschönen Beruf.
Er ist abwechslungsreich, wie sonst wenige.  Unsere Bauwerke sind sichtbar, wir können sie unseren Kindern zeigen.

Da sollte es uns nicht schwerfallen, auch das nötige Selbstbewusstsein zu haben und zu lernen, uns und unsere Leistungen mindestens so wirksam in der Öffentlichkeit darzustellen, wie dies den Architekten gelingt.

Dann werden wir auch unser Bild in der Öffentlichkeit ändern, mehr Nachwuchs gewinnen und auch gerechtere Bezahlung erreichen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit

 

 

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