Verantwortung und Aufgabe ‐ Infrastruktur für unsere Gesellschaft

Vortrag von Dr.-Ing. Werner Weigl, Mitglied der Vorstands der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau, Geschäftsführender Gesellschafter BBI - Bauer Beratende Ingenieure GmbH
Forum KANALBAU
26.03.2012
Mühldorf

[es gilt das gesprochene Wort]

Die Verantwortung der Ingenieure wird üblicherweise erst dann erkannt, wenn etwas passiert ‐ wie zum Beispiel beim Einsturz der Eishalle in Reichenhall oder jüngst beim Unglück auf dem Brenner. Dabei begleiten uns am Bau tätige Ingenieure sozusagen allumfassend.

Nehmen Sie folgendes Bild:

Beim Aufstehen morgens treten Sie auf eine Stahlbetondecke, die meist ein Bauingenieur berechnet hat; Sie betreten Ihr Badezimmer, benutzen die Toilette: die dabei entstehende Abwässer werden mit von Ingenieuren geplanten Kanälen gesammelt und in von Ingenieuren geplanten Kläranlagen gereinigt. Beim Händewaschen und Zähneputzen erwarten wir sauberes Trinkwasser aus dem Wasserhahn ‐ Gewinnung, Aufbereitung und Netze planen am Bau tätige Ingenieure. Auf dem Weg zur Arbeit benutzen wir von Bauingenieuren geplanten Straßen und Schienen. Die Standsicherheit der Gebäude für unsere Arbeitsplätze haben Bauingenieure als Tragwerksplaner berechnet. Das Bild lässt sich beliebig fortsetzen.

Die Verantwortung der am Bau tätigen Ingenieure ist allgegenwärtig. Die Frage ist: warum genießen dann diese Ingenieure nicht die entsprechende Wertschätzung in unserer Gesellschaft? Vergleichen Sie nur die Stundensätze: Anwälte: meist jenseits von 200 €, nach oben hin offen. Ingenieure: zwischen 55 und 75 €, in Ausnahmefällen darüber. Warum werden deren Produkte Gebäude, Straßen und Kanäle nicht entsprechend geschätzt und für ihren erforderlichen Unterhalt Sorge getragen?

Die Bayerische Ingenieurekammer‐Bau vertritt die beruflichen Belange und Interessen aller am Bau tätigen Ingenieure ‐ egal ob Freiberufler, Angestellter in Ingenieurgesellschaften und Bauunternehmen oder Beamter in der Verwaltung ‐ in Bayern gegenüber Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Öffentlichkeit mit einer Stimme.

Die richtige Wertschätzung der Leistungen unserer Mitglieder in der Öffentlichkeit haben als eines der wichtigsten Ziele unserer Kammer formuliert. Wichtige Partner unserer Mitglieder sind daher die verschiedenen Ämter und Organisationen des Staats. Sei es als Auftraggeber, als Partner oder als regulierende Behörden. Ich begrüße Sie an dieser Stelle herzlich.

Wir, die Mitglieder der Bayerischen Ingenieurekammer‐Bau, stehen für ein qualitätsbewusstes, nachhaltiges, sicheres und verantwortungsvolles Planen und Bauen. Wir tragen Verantwortung für

Kurz: Wir planen und bauen für die Menschen. Und: Wir planen und bauen die Infrastruktur für die Menschen. Der Erhalt und Ausbau der Infrastruktur ist von zentraler Bedeutung für den Standort Bayern!

Eine funktionierende Infrastruktur ist für uns Ingenieure Verantwortung und Aufgabe zugleich. Schauen wir uns unsere Infrastruktur doch mal an: über‐ und unterirdisch. Die DWA schätzt den Wert der öffentlichen Kanalisation in Deutschland auf 687 Mrd. Euro. Aber der Zustand des Netzes zur Abwasserentsorgung in Deutschland ist mehr als nur Besorgnis erregend. Eher schon erschreckend.

Wir haben hier massive Investitionsdefizite! Es werden jährlich gerade mal 1,41 Mrd. Euro in die Kanalisation investiert. Das ist nicht mal ein Fünftel dessen, was nötig wäre, um den Wert der Kanalisation für 100 Jahre zu erhalten. Also verrottet das Kanalnetz. Jährlich versickern bis zu zehn Prozent des anfallenden Abwassers ins umgebende Erdreich und verschmutzen das Grundwasser. Das ist nicht nur ökonomisch, sondern vor allem auch ökologisch unverantwortlich. So kann es doch nicht weitergehen. Deswegen unterstützt die Bayerische Ingenieurkammer‐Bau die Initiative „Impulse pro Kanalbau“.

Gerade beim Erhalt und Ausbau der Kanalisation muss der gesamte Lebenszyklus von der Planung über die Herstellung und Nutzung bis zur Entsorgung betrachtet werden. Unser Ziel ist es doch, eine hohe Qualität der Kanalisation mit möglichst geringen Aufwendungen und Umweltwirkungen bei hoher Nutzungsqualität zu erreichen und langfristig aufrecht zu erhalten. In Zukunft müssen wir bereits in der Planung die messtechnischen Voraussetzungen schaffen, um durch Leistungs‐ und Verbrauchskontrollen Kosten und Umweltwirkungen in der Nutzungsphase der Kanalnetze zu senken.

Die Folgen eines schadhaften Kanalnetzes schädigen unsere Umwelt durch Verunreinigung von Boden und Grundwasser durch Exfiltration ‐ also versickerndes Abwasser. Auf der anderen Seite ist die Infiltration, also das Eindringen von Grundwasser in das Kanalnetz, immens kostenintensiv. Sie verursacht unnötig hohe Betriebskosten bei Förderung und Reinigung von Abwasser. Beides führt zu einer Verschlechterung der Stand‐ und Betriebssicherheit, zur Gefahr von Verstopfungen, Überschwemmungen oder Straßeneinbrüchen und damit zu Wertminderungen und eigentlich unnötigen Kosten. Wir brauchen eine sinnvolle Sanierung oder Erneuerung defekter Abwasserentsorgungsanlagen. Und zwar so schnell wie möglich. Zur Instandhaltung und damit zum Werterhalt der hohen Anlagewerte der Kanalisation in den Städten und Gemeinden brauchen wir Investitionen. Mit dem Investitionsstau, wie wir ihn seit Jahren erleben, muss endlich Schluss sein!

Wir haben uns heute hier getroffen, um über Kanalbau und Kanalnetz, Abwasserbeseitigung und den maroden Zustand unserer Kanalisation zu sprechen. Zu unserer Infrastruktur gehört aber natürlich noch viel mehr: Verkehrswege, Brücken, Tunnel, Liegenschaften etc. Da geht es um zig Milliarden an Bausubstanz, die es zu erhalten gilt! Nur durch kontinuierlichen Unterhalt und bedarfsgerechte Erhaltungsmaßnahmen können meist um ein Vielfaches teurere Totalsanierungen vermieden werden.

Deswegen brauchen wir eine stärkere Förderung des Erhalts und Ausbaus der Infrastruktur. Wir brauchen deutlich mehr Investitionen. Unser gemeinsames Ziel muss es sein, den Sanierungsstau zu beseitigen und das mit großem Aufwand geschaffene Vermögen zu erhalten. Schon in unserem ureigenen Interesse, aber viel mehr noch für unsere Kinder und zukünftige Generationen. Da stehen wir in der Verantwortung!

Eines ist doch sicher: Kontinuierlicher Unterhalt spart teure Totalsanierungen.
.

Dazu brauchen wir aber auch ein Umdenken in den Köpfen. Häufig wird die Betrachtung von Infrastrukturkosten nur auf den Bau fokussiert ‐ ohne Folgekosten wie Betrieb bis hin zur Beseitigung zu betrachten. Die billigste Lösung ist meistens eben nur scheinbar und kurzfristig billig. Sie ist meist weder preiswert, noch sie ist nachhaltig. Sie ist nicht zukunftsorientiert und sie produziert häufig hohe Folgekosten. Wir brauchen einen Leistungswettbewerb statt einen Preiswettbewerb im Ingenieurwesen. Nur so entstehen neue Innovationen. Und genau dafür stehen wir doch in der Welt! Oder suchen Sie einen Arzt danach aus, ob der die Operation am billigsten macht?

Die Entwicklung innovativer Technologien und Abläufe, der technische Fortschritt, der Einsatz neuer Baustoffe oder Bauverfahren, die kreative Gestaltung von Ideen und Verfahren, die Verwirklichung neuer Konzepte oder Lösungen – das ist unser Kerngeschäft.

Denn gerade im Bereich des Bauwesens führen Innovationen zu kostengünstigeren Lösungen


Diese Liste ließe sich beliebig fortführen.


Das alles ist von zentraler Bedeutung, gerade auch wenn es um eine der großen Herausforderungen der kommenden Jahre geht, nämlich die Umsetzung der Energiewende in Bayern und Deutschland. Die Konsequenzen des Umstiegs auf die erneuerbaren Energien und der Auf‐ und Ausbau der Infrastruktur betreffen die zentralen Aufgabegebiete und Geschäftsfelder unserer bayerischen Ingenieure und Ingenieurbüros. Wir Ingenieure stehen mit unseren Leistungen für das Gelingen der Energiewende in der Verantwortung, denn unser Berufsstand ist an all den einzelnen Schritten und Projekten beteiligt wie kein anderer. Sei es


Oder auch

Wir Ingenieure sind es, die die Energiewende praktisch und vor Ort umsetzen. Wir Ingenieure sind es, die die Projekte planen und die Infrastruktur bauen und erhalten. Bei unserer Arbeit geht es um Qualität. Es geht um Sicherheit. Und es geht um Verantwortung. Diesen Aufgaben stellen wir uns.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.



 

 

zurück zur Übersicht

Bayerische
Ingenieurekammer-Bau

Körperschaft des öffentlichen Rechts

Schloßschmidstraße 3
80639 München
Telefon 089 419434-0
info@bayika.de

► Aktuelles ► Reden
Planer- und Ingenieursuche
Partner Mittelstandspakt Bayern

Partner Klima-Allianz Bayern