Politischer Abend: Perspektiven für Ingenieure im EU-Binnenmarkt

Montag, 20. März 2017, ab 19.00 Uhr
Vertretung des Freistaats Bayern, Rue Wiertz 77, 1000 Brüssel

Grußwort Dr.-Ing. Werner Weigl
2. Vizepräsident der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau

 

[es gilt das gesprochene Wort]


Sehr geehrte Frau Schretter,
sehr geehrter Herr Frohn,
sehr geehrter Herr Ferber,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich darf mich dem Präsidenten unserer Bundesingenieurkammer, Herrn Kammeyer, anschließen und Sie herzlich zum heutigen Politischen Abend in der Bayerischen Vertretung im Namen der Bayerischen Ingenieurekammer Bau willkommen heißen.

Der Austausch zwischen uns Ingenieuren und der Politik ist sehr wichtig. Unsere Politiker, ob zu Hause in Deutschland oder zunehmend hier in Brüssel, treffen Entscheidungen, die massiven Einfluss auf unsere Tätigkeit als Ingenieure und auch auf unsere Kollegen in anderen Freien Berufen haben.
Austausch Politik und Freie Berufe ist wichtig

Die Politiker tun das nach bestem Wissen und Gewissen und natürlich immer mit Blick auf das Gemeinwohl. Sie arbeiten sich tief in die Materie ein, um die Abläufe, Belange und Besonderheiten der unterschiedlichen Berufe zu verstehen und danach die bestmögliche Entscheidung zu treffen.
Das ist sehr aufwändig und garantiert nicht immer leicht. Ich danke Ihnen, auch im Namen der Mitglieder unserer Kammer, ganz herzlich für dieses große Engagement.

Doch bei allem Einarbeiten und Hinterfragen – eine Sache können Sie in den wenigsten Fällen leisten: Den Blick aus der täglichen Praxis in Ihre Entscheidungen einfließen lassen. Denn Sie sind eben in der Regel keine Ingenieure, die Tag für Tag die vielen bestehenden Regelungen anwenden.

Wie wirkt sich die Änderung eines bestimmten Paragraphen ganz konkret aus? Dies durchdenken Sie natürlich im Vorfeld intensiv. Doch Sie erleben nicht persönlich, wie sich die Neuerungen auf den Alltag auf der Baustelle oder am Schreibtisch des Büroinhabers auswirken, der an einem Vergabeverfahren teilnimmt und ein Angebot nach HOAI schreibt.

Es kann vorkommen, dass man in der Praxis auf Probleme stößt, die man in der Theorie trotz aller Bemühungen nicht gesehen hat. Deswegen ist der Dialog zwischen den Praktikern und den Politikern so wichtig. Ich danke Ihnen sehr herzlich, dass Sie heute gekommen sind, um sich genau hierfür Zeit zu nehmen: für den direkten Austausch.

Wenn wir an die Perspektiven für Ingenieure im EU-Binnenmarkt denken, gibt es zwei Punkte, die mir, der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau und der Bundesingenieurkammer sehr wichtig sind.
Das ist zum Einen der Erhalt der mittelständischen Strukturen bei Ingenieurbüros. Und zum Anderen die Sicherung des Ausbildungsniveaus und Stärkung der Marke „Ingenieur“.

Lassen Sie mich dazu ein paar Worte sagen.
Für Deutschland sind kleine und mittlere Bürogrößen in der Ingenieurlandschaft typisch. Büros mit mehr als 10 – 15 Mitarbeitern sind sind schon „groß“. Richtig große Büros, gerade im Vergleich mit anderen Ländern, kann man an einer Hand abzählen. Und das ist gut so. Die Ingenieurleistungen, die private wie öffentliche Auftraggeber bekommen, sind solide und innovativ gleichermaßen. Das gewährleistet neben anderem gerade diese kleinteilige Struktur.

Unser oberstes Ziel muss es sein, diese Strukturen zu erhalten. Was aber braucht es dazu?
Wir müssen die HOAI, die Honorarordnung für Architekten und Ingenieure, erhalten. Sie stellt sicher, dass die Büros auskömmliche Honorare erhalten und ein echter Leistungswettbewerb stattfindet. Würde die Honorarordnung abgeschafft werden, würden sehr schnell sehr viele Auftraggeber vorrangig nach dem Preis entscheiden. Sie würden dem Billigsten den Zuschlag geben und nicht dem Besten oder Preiswertestem. Innerhalb kürzester Zeit würden viele der kleineren Büros zusperren müssen, weil sie dem Preisdumping nicht standhalten können.

Als einst Margaret Thatcher in Großbritannien die Honorarordnung abschaffte, ist genau diese Entwicklung eingetreten. Innerhalb kürzester Zeit waren die kleinen Büros vom Markt verschwunden, aufgekauft von den wenigen großen Büros, die seitdem das Geschäft unter sich aufteilen.

Und wie haben sich die Preise entwickelt? In den ersten Jahren gingen die Preise nach unten. Jeder versuchte, seine Leistung für so wenig Geld wie möglich anzubieten, um den Zuschlag zu bekommen und überhaupt überleben zu können. Nachdem sich der Markt konzentriert hat, sind dann aber die Preise steil nach oben gegangen. Inzwischen müssen die Auftraggeber deutlich mehr hinblättern als zu jenen Zeiten, in denen es noch Honorarordnung und die kleinteilige Strukturen gab.

Ich appelliere eindringlich an Sie: Verhältnisse wie in Großbritannien müssen wir unbedingt verhindern. Es ginge zu Lasten des Berufsstands, zu Lasten der Verbraucher und schlussendlich auch zu Lasten der Qualität.Heute ist die Ingenieurqualität made in Germany international hoch angesehen. Den hohen Qualitätsstandard, um den uns die halbe Welt beneidet, werden wir aber nicht halten können, wenn wir eine solche Marktkonzentration zulassen. Wir müssen unser deutsches Ausbildungsniveau sichern und die Marke „Ingenieur“ weiter stärken! Im Interesse der gesamten Gesellschaft.

Unabdingbar sind auch mittelstandsfreundliche Ausschreibungs- und Vergaberegelungen. Aktuell steht die Unterschwellenvergabe auf dem Prüfstand. Daneben ist der Streit um das Zusammenrechnen der Auftragswerte der unterschiedlichen Planungsdisziplinen noch nicht endgültig ausgestanden. Das OLG München hat in einer Entscheidung letzter Woche die Europarechtskonformität der derzeitige Fassung der VgV mit der klar formulierten Trennung der Auftragswerte für die einzelnen getrennt zu vergebenden Planungsleistungen in Frage gestellt. Setzt sich diese Meinung durch, bedeutet dies verstärkt Generalplanervergaben und damit das Aus für den planenden Mittelstand.

Es wäre schon paradox, wenn sämtliche Planungsleistungen für ein Projekt ab circa 2 Millionen Auftragswert europaweit ausgeschrieben werden müssten, die Bauleistung selbst aber erst ab einem Wert von 5 Millionen.

Wir müssen dafür Sorge tragen, dass Regelungen getroffen werden, die für unseren Mittelstand praktikabel sind. Nur so können wir Arbeitsplätze erhalten und sichern, gerade auch im ländlichen Raum. Und nur so können wir Planungs- und Bauqualität sichern.

Ich bitte Sie herzlich, gemeinsam mit uns für unsere kleinen und mittleren Büros einzustehen. Sie sind das Herz unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft.

Treten Sie mit uns für den Erhalt der HOAI ein! Mehrere Gutachten haben klar belegt, dass die bestehenden Regelungen den Zugang ausländischer Ingenieurbüros zum deutschen Markt nicht unzulässig erschweren und somit nicht gegen EU-Recht verstoßen.

Treten Sie mit uns für mittelstandsfreundliche Ausschreibungs- und Vergaberegelungen ein! Aktuell brennt es dort wieder lichterloh!

Treten Sie mit uns für die Freien Berufe ein!

Vielen Dank!

 

 

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