25.09.2026 - München
Bauprojekte brauchen wieder mehr Vertrauen, Dialog und gemeinsame Verantwortung. Statt Absicherungsdenken, Konflikten und Schuldzuweisungen plädiert Vorstandsmitglied Alexander Lyssoudis in der aktuellen Kolumne in der Bayerischen Staatszeitung für eine partnerschaftliche Baukultur mit frühzeitiger Einbindung aller Projektbeteiligten, fairer Risikoverteilung und kollaborativen Vertragsmodellen. Nur so lassen sich Infrastruktur, Wohnungsbau, Energiewende und Klimaanpassung erfolgreich voranbringen.
Wer heute mit Vertretern aus Verwaltung, Planung, Bauwirtschaft und Politik über die Realität vieler Bauprojekte spricht, hört immer häufiger ähnliche Erfahrungen. Statt gemeinsamer Lösungsfindung prägen zunehmend Absicherungsdenken, Konflikte und gegenseitige Schuldzuweisungen den Projektalltag.
Gerade im öffentlichen Bauen ist diese Entwicklung besorgniserregend. Denn die Modernisierung unserer Infrastruktur, der Wohnungsbau, die Energiewende und die Anpassung an den Klimawandel verlangen nach leistungsfähigen Projekten, die Termine, Kosten und Qualität gleichermaßen im Blick behalten.
Dafür braucht es vor allem eines: eine Rückkehr
zu einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit.
Bauprojekte sind keine industriellen Standardprodukte. Jedes Projekt ist ein komplexes Zusammenspiel aus Planung, Ausführung, Genehmigung und Betrieb. Es lebt von der Zusammenarbeit unterschiedlicher Fachdisziplinen und von Entscheidungen, die oft unter gewissen Unsicherheiten getroffen werden müssen.
Wer glaubt, sämtliche Risiken schon zu Beginn vollständig erfassen und einer einzelnen Partei zuordnen zu können, verkennt die Realität des Bauens. Verträge vor allem unter dem Gesichtspunkt möglicher Streitigkeiten zu formulieren, ist nicht zielführend.
Stattdessen lohnt sich der Blick auf partnerschaftliche Projektmodelle. Ihr Grundgedanke ist ebenso einfach wie überzeugend: Die wesentlichen Projektbeteiligten werden frühzeitig eingebunden und bringen ihr Wissen bereits in den frühen Phasen eines Projekts ein. Auftragnehmer und ausführende Unternehmen können ihre Erfahrungen bereits bei der Entwicklung von Lösungen einbringen. Dadurch lassen sich Fehler vermeiden, Schnittstellen besser koordinieren und innovative Ansätze frühzeitig nutzen.
Ein zentraler Baustein ist der faire Umgang mit Risiken. Risiken sollten nicht reflexartig auf die jeweils andere Vertragsseite übertragen werden. Stattdessen sollten sie dort verortet werden, wo sie tatsächlich beeinflusst und gesteuert werden können.
Baugrundrisiken, Preisentwicklungen oder komplexe technische Schnittstellen verschwinden auch nicht durch vertragliche Regelungen. Sie können jedoch besser bewältigt werden, wenn alle Beteiligten transparenter damit umgehen und Verantwortung dort übernommen wird, wo die größte Steuerungsmöglichkeit besteht.
Partnerschaftliche Modelle setzen zudem auf kollaborative Vertragsstrukturen. Ob in Form von Mehrparteienverträgen oder im Rahmen der Integrierten Projektabwicklung: Das gemeinsame Projektziel rückt stärker in den Mittelpunkt.
Erfolg wird nicht
isoliert betrachtet, sondern als Ergebnis
einer funktionierenden Zusammenarbeit
verstanden.
Damit entstehen Anreize, Herausforderungen gemeinsam zu lösen, anstatt sie vertraglich gegeneinander abzusichern.
So erhalten auch Kriterien wie Kompetenz, Erfahrung, Organisationsfähigkeit und die Qualität der Zusammenarbeit mehr Bedeutung. Der Wettbewerb bleibt erhalten, aber die Fokussierung auf den niedrigsten Preis ist weniger stark.
Das öffentliche Vergaberecht setzt enge Rahmenbedingungen und verlangt zu Recht Transparenz, Gleichbehandlung und einen wirtschaftlichen Umgang mit Steuergeldern. Partnerschaftliche Ansätze dürfen deshalb nicht als Gegensatz zu diesen Grundsätzen verstanden werden, sondern müssen innerhalb dieser Regeln weiterentwickelt werden.
Das ist gut machbar - die größere damit verbundene Herausforderung ist der erforderliche Kulturwandel. Viele Organisationen sind über Jahrzehnte in hierarchischen Strukturen und einer ausgeprägten Fehlervermeidungskultur gewachsen.
Um diese Strukturen zu ändern, braucht es insbesondere eine andere Haltung, gegenseitigen Respekt und die Bereitschaft, Probleme frühzeitig gemeinsam anzugehen.
Die gute
Nachricht: Es gibt bereits zahlreiche erfolgreiche
Beispiele, die zeigen, dass
partnerschaftliche
Zusammenarbeit funktioniert.
Sie schafft bessere Voraussetzungen für Innovation, reduziert Reibungsverluste und stärkt die gemeinsame Verantwortung für das Projektergebnis.
Gerade jetzt sollten Verwaltung, Politik, Kammern, Planer und Bauwirtschaft diesen Weg konsequent weitergehen. Wenn wir die großen Herausforderungen der kommenden Jahre erfolgreich bewältigen wollen, brauchen wieder mehr Vertrauen, mehr Dialog und mehr gemeinsames Handeln.
Denn am Ende gewinnt niemand einen Konflikt auf der Baustelle. Gewinnen kann nur das Projekt. Und damit die Gesellschaft, für die wir bauen.
Kolumne von Dipl.-Ing. (FH) Alexander Lyssoudis, Vorstandsmitglied der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau, veröffentlicht in der Bayerischen Staatszeitung vom 25.09.2026
Kolumne zum Download
Foto: Tobias Hase
Die Bayerische Ingenieurekammer veröffentlicht einmal im Monat eine Kolumne zu aktuellen Themen in der Bayerischen Staatszeitung. Hier nehmen die Mitglieder des Vorstands der Kammer Stellung zu Themen aus Bauwesen, Politik und Gesellschaft.
Hier haben wir Ihnen alle Kolumnen zum Lesen oder als Download bereitgestellt.
Die Social Media Buttons oben sind datenschutzkonform und übermitteln beim Aufruf der Seite noch keine Daten an den jeweiligen Plattform-Betreiber. Dies geschieht erst beim Klick auf einen Social Media Button (Datenschutz).
Jetzt Newsletter abonnieren!
Kammerwahl 2026
Sustainable Bavaria
Nachhaltig Planen und Bauen
Netzwerk junge Ingenieur:innen
Frauennetzwerk ingenieurinnen@bayika
Werde Ingenieur/in!
www.zukunft-ingenieur.de
Veranstaltungstipps
Einheitlicher Ansprechpartner
Berufsanerkennung
Professional recognition
Digitaltouren - Digitalforen
Bayerische Ingenieurekammer-Bau
Körperschaft des öffentlichen Rechts
Schloßschmidstraße 3
80639 München