29.10.2026 - Wien
Am 22. Oktober 2026 wurden im Architekturzentrum Wien die anotHERVIEWture AWARDs verliehen. Mit dem von der Bundeskammer der Ziviltechniker:innen ausgelobten Preis werden Frauen ausgezeichnet, die mit ihren Projekten die Baukultur in Architektur und Ingenieurwesen prägen. Die Auszeichnung in der Kategorie „National/International Female Engineering Achievement of the Year“ ging an die kroatische Tragwerksplanerin Vlatka Rajčić.
Die große Zahl und die hohe Qualität der Einreichungen haben beeindruckt. Sie machen deutlich, wie vielfältig Frauen das Bauwesen prägen und mit neuen Perspektiven bereichern. „Wir brauchen mehr Frauen im Ingenieurwesen. Dafür müssen wir Frauen in unserem Berufsstand sichtbarer machen und ihnen eine Stimme verleihen,“ betont Dipl.-Ing. (FH) Wilhelmina Katzschmann, Vorstandsmitglied der Bundesingenieurkammer und Jurymitglied. Die Bundesingenieurkammer ist seit 2024 Kooperationspartnerin des Awards
Die Laudatio in Kategorie III hielt Johanna Arnold, eine deutsche Bauingenieurin und Preisträgerin des Jahres 2024. Damit wurde auch die Kontinuität des Engagements für herausragende weibliche Leistungen im Ingenieurwesen sichtbar.
Ausgezeichnet wurde Vlatka Rajčić für die konstruktive Erneuerung der historischen Kuppel und des Ringgewölbes des Hauses der kroatischen bildenden Künstler:innen in Zagreb. Das 1938 errichtete Gebäude wurde bei den Erdbeben in Zagreb im Jahr 2020 beschädigt. Besonders die nur wenige Zentimeter starken Stahlbetonschalen mit ihren charakteristischen Glasprismen waren stark geschädigt und mussten zurückgebaut und als moderne Rekonstruktion neu errichtet werden.
Die Aufgabe bestand darin, die Tragfähigkeit und Dauerhaftigkeit der Konstruktion zu verbessern und zugleich den architektonischen Charakter des denkmalgeschützten Bauwerks zu erhalten. Rajčić setzte dafür auf neu entwickelte Glasprismen, eine optimierte Bewehrung, umfangreiche Materialversuche und eine innovative Verbindung von Glas und Beton. So konnten Tragfähigkeit, Dauerhaftigkeit und Wasserdichtigkeit wesentlich verbessert werden.
Die Jury würdigte insbesondere das Zusammenspiel von Ingenieurwissen, konstruktiver Präzision und Innovation mit den Anforderungen der Denkmalpflege. Das Projekt zeigt, welche zentrale Rolle die Tragwerksplanung bei der Erhaltung historischer Bausubstanz spielt. Zugleich verdeutlicht es, dass die Weiterentwicklung bewährter Bauweisen und die Erprobung neuer konstruktiver Lösungen Hand in Hand gehen können.
Auch die weiteren Einreichungen in Kategorie III machten die Bandbreite des Bauingenieurwesens deutlich. Unter den Finalistinnen war die deutsche Bauingenieurin Nadine Ritschel aus Dresden. Sie stellte die statische Sicherung und Umnutzung eines historischen Gebäudes in Naumburg vor, das künftig als Theater genutzt wird. Ihr Ansatz zielt darauf, das Bauwerk behutsam an die Anforderungen der neuen Nutzung anzupassen, ohne umfangreiche Fundamentverstärkungen oder Unterfangungen erforderlich zu machen.
Die kroatische Bauingenieurin Marija Sojcic präsentierte ein Konzept für den Rückbau des Hochhauses Vjesnik Tower in Zagreb nach einem verheerenden Brand. Ihr Beitrag umfasst einen nach Bauphasen und Höhenstufen gegliederten Abriss, den Umgang mit gefährlichen Materialien und die Entsorgung des Bauschutts. Auch die Sicherheit am Arbeitsplatz gehört zu ihrem Verantwortungsbereich. Die Einreichung zeigt, dass Ingenieurkompetenz den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks umfasst – von der Planung und Errichtung bis zum sicheren Rückbau.
Die ausgezeichneten und nominierten Projekte stehen damit für unterschiedliche, gesellschaftlich relevante Aufgaben des Bauingenieurwesens: den Erhalt historischer Bauwerke, die Anpassung bestehender Gebäude an neue Anforderungen und den sicheren Umgang mit Bauwerken am Ende ihrer Nutzungsdauer.
Die Bedeutung des anotHERVIEWture AWARD geht über die Auszeichnung einzelner Projekte hinaus. In diesem Jahr beteiligten sich 126 Architektinnen und Zivilingenieurinnen aus 24 Ländern. Insgesamt wurden in vier Kategorien mehr als 300 Projekte eingereicht, ein Rekordwert. Der Preis ist mit 5.000 Euro pro Kategorie dotiert.
Gewinnerin der Kategorie I – Female Architect of the Year (österreichische Architektinnen) ist die Architektin Anja Innauer.
Aus der
Stellungnahme der Jury:
„Die Jury würdigt insbesondere diese Haltung: eine
zeitgemäße, eigenständige Architektur, die respektvoll mit dem Bestehenden
umgeht und daraus neue Perspektiven entwickelt. Anja Innauer steht damit
exemplarisch für eine Baukultur, die Verantwortung übernimmt, ohne auf
architektonische Präzision und Ausdruckskraft zu verzichten.“
Gewinnerin der Kategorie II – Emerging Female Architect of the Year (österreichische Architektinnen unter 40) ist die Architektin Nina Beck.
Aus der
Stellungnahme der Jury:
„Die Arbeit von Nina Beck zeigt herausragend, wie zirkuläres
Denken nicht nur über Konstruktion, sondern auch über die Nutzung gedacht
werden kann, um Bestand zu erhalten und Community zu fördern. Am Anfang steht
bei ihr immer eine Frage, die nicht mit determinierten Antworten, sondern mit
einem Dialog beantwortet wird.“
Gewinnerin der Kategorie III – National/International Female Engineering Achievement of the Year ist die kroatische Tragwerksplanerin Vlatka Rajčić mit einer konstruktiven Erneuerung der historischen Kuppel und des Ringgewölbes des 1938 errichteten Hauses der kroatischen bildenden Künstler:innen in Zagreb.
Aus der
Stellungnahme der Jury:
„Neu entwickelte Glasprismen, eine optimierte Bewehrung,
umfangreiche Materialversuche und eine innovative Verbindung zwischen Glas und
Beton ermöglichten es, Tragfähigkeit, Dauerhaftigkeit und Wasserdichtigkeit
wesentlich zu verbessern und zugleich den architektonischen Charakter des
Denkmals zu bewahren. Das Projekt verbindet auf außergewöhnliche Weise
Ingenieurwissen, Innovation, konstruktive Präzision und Denkmalpflege.“
Gewinnerin der Kategorie IV – International Female Architect of the Year ist die spanische Architektin Elisa Valero.
Aus der
Stellungnahme der Jury:
„Elisa Valeros Arbeit zeugt von einer tiefen Überzeugung,
dass Architektur ein Mittel ist, um echte menschliche Bedürfnisse zu erfüllen.
In sehr unterschiedlichen Kontexten gehen ihre Projekte präzise, sorgfältig und
mit einem bemerkenswerten Sinn für soziale Verantwortung auf diese Bedürfnisse
ein.“
Mehr zum anotHERVIEWture Award:
Quelle: Bundesingenieurkammer BIngK, Bundeskammer der Ziviltechniker:innen BKZT, Fotos: Sebastian Siegel / BKZT (1,3,4,5,6), BIngK (2)
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