28.10.2026 - Berlin
Mehr bauen mit gleichem Personal: Laut einer Studie des DIW Berlin könnte die Bauleistung um rund zwölf Prozent steigen, wenn weniger produktive Betriebe zum Mittelfeld vergleichbarer Unternehmen aufschließen. Das entspräche der Leistung von knapp 350.000 zusätzlichen Beschäftigten. Im Interview erläutert Studienautor Dr. Alexander Schiersch, wie weniger Bürokratie, Vorfertigung und Robotik helfen können, dieses Potenzial zu erschließen.
Das Baugewerbe in Deutschland hat in den vergangenen Jahren deutlich an Produktivität verloren. Gleichzeitig sind der Baubedarf und damit der Druck auf die Branche enorm hoch. Aufgrund des Arbeitskräftemangels wird sie ihre Kapazitäten aber nur ausweiten können, wenn sie ihre Arbeitsproduktivität verbessert, also mehr Wertschöpfung je Beschäftigten erzielt.
Die neue Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zeigt große Produktivitätsunterschiede zwischen Bauunternehmen, selbst zwischen Unternehmen derselben Sparte und Größe. Nach einer Simulationsrechnung mit Unternehmensdaten für 2022 läge die Bauleistung um rund zwölf Prozent höher, wenn die weniger produktiven Betriebe zu vergleichbaren Unternehmen aufschließen würden. Das entspräche der Leistung von knapp 350.000 zusätzlichen Beschäftigten.
„Die Bauwirtschaft muss ihre Kapazitäten ausweiten, damit die milliardenschweren öffentlichen Investitionen in die Infrastruktur nicht die Preise treiben. Da Arbeitskräfte knapp sind, kann dies nur durch eine Trendwende bei der Arbeitsproduktivität gelingen“, schließt Studienautor Martin Gornig. Zusammen mit Alexander Schiersch hat er berechnet, wie sich die Bruttowertschöpfung je nach Bausparte und Größe der Unternehmen seit dem Jahr 2010 entwickelt hat.
„Um die Produktivität signifikant zu steigern, müssten
bereits verfügbare, moderne Produktionsmethoden deutlich schneller und
flächendeckender eingesetzt werden“
Martin Gornig
Der Handlungsbedarf ist groß: Die Arbeitsproduktivität im Baugewerbe befindet sich seit Jahren im Sinkflug. 2025 lag sie nahezu 30 Prozent unter dem Niveau von 2010, während sie in der Gesamtwirtschaft oder im Verarbeitenden Gewerbe stieg. Der Negativtrend zeigt sich über alle Bausparten und Unternehmensgrößen hinweg. Beschleunigt hat er sich seit der Corona-Pandemie und durch den Zins- und Kostenschock vor allem seit dem Ukraine-Krieg.
Gleichzeitig offenbaren anonymisierte Unternehmensdaten erhebliche Produktivitätsunterschiede innerhalb der Branche. Insbesondere bei kleinen Unternehmen, die in einigen Bausparten rund 70 Prozent der Unternehmen ausmachen, variiert die Arbeitsproduktivität sehr stark. „Es gibt in jeder Bausparte kleine Unternehmen, die sehr produktiv sind und mit den großen mithalten können“, stellt Studienautor Alexander Schiersch fest. Würden Betriebe mit unterdurchschnittlicher Produktivität zumindest das jeweilige Medianniveau ihrer Sparte und Größenklasse erreichen, könnte die reale Bauleistung insgesamt um rund zwölf Prozent steigen, zeigen die Berechnungen.
„Um die Produktivität signifikant zu steigern, müssten bereits verfügbare, moderne Produktionsmethoden deutlich schneller und flächendeckender eingesetzt werden“, sagt Gornig. Auch die öffentliche Hand kann dazu beitragen: Über die Senkung bürokratischer Nebenbelastungen, innovationsfreundliche Ausschreibungen und gezielte Pilotprojekte ließen sich wichtige Impulse setzen. „Wir sollten neue Technologien nicht unterschätzen und zum Beispiel Robotik auf dem Bau neu denken“, sagt Schiersch. „Wenn wir dahin kommen, dass wir auf dem Bau nicht nur mit Maschinen, sondern auch mit Robotern arbeiten, können wir die Arbeitsproduktivität hier enorm steigern.“
Weitere Informationen
Herr Schiersch, in Deutschland besteht in fast allen Bereichen ein enormer Baubedarf. Sie haben im aktuellen Wochenbericht den Fokus auf die Produktivität der Baubranche gelegt. Warum?
Durch das Sondervermögen wird viel zusätzliches Geld in die Bauwirtschaft fließen. Damit sich dadurch nicht die Preise erhöhen, muss die entsprechende Kapazität da sein. Die Kapazitäten sind jedoch beschränkt und es gibt wenig Möglichkeiten, sie zu erhöhen. Zusätzliche Arbeitskräfte sind schwer zu bekommen. Andere Länder, aus denen früher viele Mitarbeiter/innen kamen, haben heute eine besser laufende Wirtschaft und selbst ein demographisches Problem. Das heißt, wir müssen uns auf andere Wege besinnen, um unsere Kapazitäten zu erhöhen. Die Produktivität ist einer davon.
Wie hat sich die Arbeitsproduktivität in der Baubranche in den letzten Jahren entwickelt?
Wir sehen von 2010 bis 2018/19 einen leichten Abfall der Arbeitsproduktivität in der Baubranche. Das beobachten wir in anderen Sektoren nicht so stark. Es gibt dann einen kleinen Einbruch durch die Coronakrise, aber insbesondere der Angriff Russlands auf die Ukraine sorgt wegen des Zins- und Kostenschocks für einen starken Einbruch in der Produktivität. Im Jahr 2025 lag die Produktivität schließlich 29 Prozent unter dem Wert von 2010.
Inwieweit zeigen sich dabei Unterschiede zwischen den verschiedenen Sparten und Unternehmen?
Zwischen den Bausparten sehen wir – vor allen Dingen am aktuellen Rand –, dass der Tiefbau weniger stark betroffen ist. Grundsätzlich aber betrifft der Rückgang der Produktivität alle Bausparten. Dazu kommt, dass die Unterschiede auch immer mit der Größe zusammenhängen. Gerade im Tiefbau gibt es viel mehr große Unternehmen, die in der Regel produktiver sind. Hingegen haben wir im Ausbaugewerbe, in der Bauinstallation, aber auch im Hochbau viele sehr kleine Unternehmen. In einigen Bausparten haben bis zu 70 Prozent der Unternehmen weniger als 20 Mitarbeiter. In der Masse haben diese kleinen Unternehmen häufig eine geringere Produktivität. Es gibt aber in jeder Bausparte auch kleine Unternehmen, die eine sehr hohe Produktivität haben, die mit der von großen Unternehmen mithalten kann.
Wie stark müsste die Produktivität ansteigen, um die bestehenden Probleme in der Baubranche auszugleichen?
Wir haben uns anhand von Daten bis 2022 angeschaut, was passieren würde, wenn wir die Produktivität der unproduktiveren Unternehmen auf das Niveau der Unternehmen anheben würden, die eine mittlere Produktivität haben. Wenn wir das tun würden, wäre das äquivalent zu einem Anstieg des Outputs von 12 Prozent der Bauleistung, gemessen als Wertschöpfung. Das entspräche ungefähr 350.000 zusätzlichen Mitarbeiter/innen.
Wie ließe sich die Produktivität in der Baubranche steigern?
Man muss zum Beispiel versuchen, die bürokratischen Belastungen, die mit dem Bau eigentlich nichts zu tun haben, zu vereinfachen und zu digitalisieren. Das Infrastruktur-Zukunftsgesetz geht da in die richtige Richtung. Zum anderen könnte man stärker auf Vorfertigung und Standardisierung setzen und sozusagen modularer und industrieller arbeiten, denn bislang arbeitet jede Baustelle ja so ein bisschen für sich. Zudem sollten wir neue Technologien nicht unterschätzen und zum Beispiel Robotik auf dem Bau neu denken. Da ist natürlich auch der Staat gefragt, weil es viele rechtliche und haftungsrechtliche Fragen gibt, die am Ende der Gesetzgeber lösen muss. Aber wenn wir dahin kommen, dass wir auf dem Bau nicht nur mit Maschinen, sondern auch mit Robotern arbeiten, wie wir es in Fabriken teilweise schon machen, dann können wir auch im Bau noch viele Potenziale heben.
Das Gespräch führte Erich Wittenberg.
Quelle und Fotos: DIW Berlin
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