05.11.2026 - Berlin
Am 8. November steht der Tag der Umbaukultur im Zeichen einer Aufgabe beim Bauen, die zunehmend an Bedeutung gewinnt: Wie lassen sich bestehende Gebäude und Bauwerke sicher, wirtschaftlich und zukunftsfähig weiterentwickeln? Dazu hat die Bundesingenieurkammer das Positionspapier „Bauen im Bestand: ein Transformationspfad“ veröffentlicht. Prof. Dr.-Ing. Martin Betzler, Präsident der Ingenieurkammer Niedersachsen und Vorsitzender des Ausschusses Umbauordnung der BIngK, gibt Antworten aus Sicht der Ingenieurinnen und Ingenieure.
Aus Sicht der Ingenieurinnen und Ingenieure braucht es dafür vor allem verlässliche politische Rahmenbedingungen, bessere Bestandsdaten und mehr Raum für individuelle technische Lösungen. Denn Deutschland verfügt über einen großen Gebäudebestand. Rund 19,8 Millionen Wohngebäude gab es 2025, etwa 60 Prozent davon wurden vor 1977 errichtet. Gleichzeitig liegt die energetische Sanierungstätigkeit im Wohngebäudebestand weiterhin deutlich unter dem Niveau, das für die Klimaziele erforderlich wäre.
Damit wächst die Bedeutung einer systematischen Weiterentwicklung des Bestands. Energetische Ertüchtigung, Umnutzung, Aufstockung, Nachverdichtung und die Anpassung an neue Nutzungsanforderungen stellen dabei jeweils eigene technische Aufgaben dar. Der Bestand ist kein standardisiertes Produkt. Jedes Gebäude hat seine eigene Konstruktion, Baugeschichte und Bausubstanz.
Für Ingenieurinnen und Ingenieure beginnt gutes Bauen im Bestand deshalb mit einer belastbaren Bestandsaufnahme. Tragwerk, Bauzustand, Baugrund, Schadstoffe und technische Anlagen müssen bekannt sein, bevor über geeignete Maßnahmen entschieden wird.
Das ist nicht nur eine technische Frage. Die Qualität der Bestandsanalyse entscheidet wesentlich darüber, ob Umbauprojekte kalkulierbar, genehmigungsfähig und wirtschaftlich umgesetzt werden können.
Aus Sicht der Ingenieurinnen und Ingenieure wird eine gesunde Umbaukultur vor allem dadurch ausgebremst, dass Neubauanforderungen auf bestehende Gebäude übertragen werden müssen. Was bei einem Neubau selbstverständlich planbar ist, kann im Bestand technisch oder wirtschaftlich unverhältnismäßig sein.
Bund und Länder sollten deshalb bundesweit einen verlässlichen Rechtsrahmen für Umbau, Erweiterung und Nutzungsänderung schaffen. Sicherheitsanforderungen müssen verbindlich bleiben. Damit verbunden ist eine stärkere Orientierung an leistungsbezogenen Anforderungen statt an starren Vorgaben. Gerade im Bestand braucht es die Möglichkeit, technische Lösungen auf das konkrete Bauwerk zuzuschneiden.
In Deutschland gibt es inzwischen erste Ansätze für einen stärker auf den Bestand ausgerichteten Rechtsrahmen. Niedersachsen beispielsweise änderte seine Landesbauordnung, um Umbaumaßnahmen im Bestand zu erleichtern. Unter bestimmten Voraussetzungen können dort nun bei Umbauten die zum Zeitpunkt der Errichtung geltenden Anforderungen zugrunde gelegt werden. Die niedersächsische Umbauordnung dient damit bundesweit als Vorbild für umbaufreundliche Bauordnungen.
Umbau ist eine anspruchsvolle Planungsaufgabe. Ingenieurinnen und Ingenieure müssen vorhandene Konstruktionen bewerten, Risiken einschätzen und Lösungen entwickeln, die Sicherheit, Funktionalität, Wirtschaftlichkeit und neue Anforderungen zusammenbringen.
Qualifizierten Ingenieurinnen und Ingenieuren sollte mehr Gestaltungsspielraum ermöglicht werden, um konkrete Lösungen umzusetzen. Dies sollte sich auch im Genehmigungsrecht widerspiegeln. Digitale Verfahren, verbindliche Bearbeitungsfristen und frühzeitige Abstimmungen zwischen Planung, Bauherrschaft und Behörden können dazu beitragen, Umbauvorhaben schneller und verlässlicher umzusetzen.
Die Digitalisierung und langfristige Verfügbarkeit von Bauwerksinformationen muss stärker gefördert werden. Hierzu gehören sowohl die Digitalisierung vorhandener Bauakten bei den Bauaufsichtsbehörden als auch die Entwicklung einheitlicher Standards für eine digitale, lebenszyklusbegleitende Bauwerksakte.
Dabei sollten bestehende Aufbewahrungspflichten und Datenbestände berücksichtigt und Doppelstrukturen vermieden werden.
Der Tag der Umbaukultur macht deutlich, dass die Weiterentwicklung des Bestands eine langfristige Aufgabe für Politik, Planung und Bauwirtschaft ist. Dabei geht es nicht um eine Entscheidung zwischen Neubau und Umbau. Beides gehört zu einer leistungsfähigen Baukultur und muss unter den jeweils passenden Bedingungen möglich sein.
Für den Bestand sind jedoch spezifische Rahmenbedingungen ausschlaggebend: Bestandsanalysen müssen gestärkt, Genehmigungen beschleunigt, Anforderungen verhältnismäßig gestaltet und ingenieurmäßige Lösungen ermöglicht werden. Die Bundesingenieurkammer setzt sich deshalb für einen politischen Rahmen ein, der Sicherheit gewährleistet und zugleich Innovation und Weiterentwicklung ermöglicht. Eine zeitgemäße Umbaukultur bedeutet, das Vorhandene zu verstehen, seine Potenziale zu erkennen und es mit technischer Kompetenz für neue Anforderungen weiterzuentwickeln.
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BIngK-Positionspapier - Bauen im Bestand: ein Transformationspfad
Deutschland muss seinen Gebäudebestand besser nutzen. Erhalt, Umbau, Umnutzung und Weiterbauen sparen Ressourcen, reduzieren Flächenverbrauch und können einen wichtigen Beitrag zu Klimaschutz und Resilienz leisten. Dafür braucht es jedoch andere Rahmenbedingungen als beim Neubau.
Aus Sicht der Ingenieurinnen und Ingenieure kommt es auf sechs Punkte an:
Erhalt, Umbau und Umnutzung müssen zur ersten Option werden.
Vor einem Abriss muss systematisch geprüft werden, ob ein Bauwerk erhalten, ertüchtigt, erweitert oder umgenutzt werden kann. Grundlage dafür ist eine qualifizierte Bestandsaufnahme. Entscheidungen dürfen nicht allein anhand der kurzfristigen Investitionskosten getroffen werden, sondern müssen Lebenszykluskosten, CO₂-Emissionen, Ressourcenverbrauch und graue Energie berücksichtigen.
Der Bestand ist kein Neubau.
Anforderungen und Nachweise müssen die tatsächlichen Bedingungen bestehender Bauwerke berücksichtigen. Bund und Länder sollten deshalb einen verlässlichen rechtlichen Rahmen für Umbau, Erweiterung und Nutzungsänderung schaffen. Anforderungen müssen sicher, technisch begründet und verhältnismäßig sein.
Sicherheit braucht Fachkompetenz und nicht immer mehr starre Vorgaben.
Technische Regeln müssen stärker leistungsorientiert ausgestaltet werden und Spielraum für individuelle Lösungen lassen. Qualifizierte Ingenieurinnen und Ingenieure müssen anhand des konkreten Bauwerks entscheiden können, wie die erforderliche Sicherheit, Gebrauchstauglichkeit und Dauerhaftigkeit erreicht werden.
Mehr Spielraum braucht mehr Rechtssicherheit.
Abweichungen von Standards und der Umgang mit vorhandenen Bauteilen müssen rechtssicher möglich sein. Gleichzeitig müssen Genehmigungsverfahren für Umbau, Aufstockung und Nutzungsänderung deutlich einfacher und schneller werden – digital, transparent und mit verbindlichen Fristen.
Gute Planung ist die Voraussetzung für guten Bestand.
Bestandsuntersuchung, Tragwerksanalyse, Baugrunduntersuchung, Schadstofferkundung und technische Bestandsaufnahme müssen frühzeitig erfolgen und angemessen vergütet werden. Digitale Bauwerksakten und BIM-basierte Bestandsmodelle sollten systematisch ausgebaut werden. Förderprogramme müssen deshalb nicht nur Baumaßnahmen, sondern auch die notwendige Planungs- und Untersuchungsleistung unterstützen.
Nicht der billigste Bau, sondern die wirtschaftlichste Lösung über die gesamte Lebensdauer zählt.
Öffentliche und private Investitionsentscheidungen müssen stärker an Lebenszykluskosten, Ressourcenverbrauch, CO₂-Emissionen und langfristiger Nutzbarkeit ausgerichtet werden. Bei öffentlichen Bauvorhaben sollten Erhalt und Umbau systematisch mit dem Ersatzneubau verglichen werden. Vergabeverfahren müssen dafür Qualität, Fachkunde und Lebenszyklusbetrachtung angemessen berücksichtigen.
Wer den Bestand erhalten und weiterentwickeln will, braucht belastbare Daten, qualifizierte Planung, technische Entscheidungsfreiheit und einen rechtssicheren Rahmen. Die Politik sollte deshalb nicht jede bestehende Anforderung auf den Bestand übertragen, sondern Sicherheit gewährleisten und gleichzeitig verantwortbare Lösungen ermöglichen.
Denn: Der nachhaltigste Quadratmeter ist häufig der, der bereits gebaut ist, wenn wir ihn sicher, wirtschaftlich und zukunftsfähig weiterentwickeln können.
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BIngK-Positionspapier - Bauen im Bestand: ein Transformationspfad
Quelle: Bundesingenieurkammer, Fotos: Bundesstiftung Baukultur (eigene Bearbeitung), Daniel Heitmüller / Ingenieurkammer Niedersachsen
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