20.01.2026 - Erlangen
In Teil 5 unserer Interviewreihe mit Frauen im Ingenieurwesen sprechen wir mit Hertha Ulm, dem ältesten weiblichen Kammermitglied. Frau Ulm ist der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau seit ihrer Gründung verbunden. Sie war eine von drei weiblichen Mitgliedern der ersten Vertreterversammlung. Eine starke berufsständische Vertretung ist für sie elementar. Berufspolitische Arbeit ist von Höhen und Tiefen gekennzeichnet, doch steter Tropfen höhlt den Stein, findet sie. Hertha Ulm führte viele Jahre lang ein Büro für Tragwerksplanung in Erlangen und ist auch mit Ende 80 noch zwei Tage die Woche im Büro.
Frau Ulm, Sie sind das älteste weibliche Mitglied der
Bayerischen Ingenieurekammer-Bau und fast seit Gründung der Kammer dabei.
Vielen Dank für Ihre Treue und vielen Dank, dass Sie sich Zeit für das Gespräch
mit uns nehmen!
Erzählen Sie uns bitte ein bisschen von sich. Warum sind Sie
Ingenieurin geworden?
Das ist eine besondere Geschichte. Mein Berufswunsch war eigentlich ein anderer. Ich stamme aus einer Familie, in der seit Generationen das Lehramt sehr verbreitet war. Meine Mutter, Tanten und Onkeln waren Lehrer. Dass ich Ingenieurin wurde, hat mit meinem verstorbenen Mann zu tun. Mein Mann, der in der Umgebung von Erlangen aufgewachsen ist, war im Internat in Neuburg an der Donau untergebracht. Sein Vater – Franz Xaver Ulm – hatte 1952 das Ingenieurbüro gegründet und seinen Sohn dort sein Abitur machen lassen. Ich bin in Neuburg aufgewachsen und bin auf das gleiche Gymnasium gegangen wie er. Wir lernten uns dort kennen und lieben.
Mein Mann wollte, anders wie sein Vater es geplant hatte, nicht Bauingenieur werden. Eines Tages stand sein Vater vor der Türe meiner Mutter und hat sie gebeten, dass ich Bauingenieurwesen studiere. Nur so konnte er meinen Mann davon überzeugen, dass er mit mir gemeinsam den Beruf wählt. So bin ich zum Bauingenieurwesen gekommen. Ich habe es nie bereut.
Wie viele Kommilitoninnen hatten Sie damals?
Mit mir haben damals noch drei weitere Frauen das Studium aufgenommen. Abgeschlossen habe nur ich.
Wie fühlten Sie sich als junge Frau unter so vielen Männern?
Das war in Ordnung. Ich hatte keine Schwierigkeiten. Inwieweit es eine Rolle gespielt hat, dass ich gemeinsam mit meinem späteren Mann studiert habe, kann ich nicht genau sagen.
Ich habe aber bis heute Kontakt zu meinen ehemaligen Kommilitonen. Als Studentin habe ich mich im AStA, dem Allgemeinen Studentischen Ausschuss, engagiert und ich organisiere bis heute noch unsere Semestertreffen.
Die Ulm Ingenieurgesellschaft wurde von Ihrem Schwiegervater 1952 gegründet. Ihr Ehemann und Sie traten 1962 ins Büro ein. Viele bayerische Ingenieurbüros werden innerhalb der Familie fortgeführt. War für Sie und Ihren Mann stets klar, dass Sie das auch so handhaben möchten?
Für meinen Schwiegervater, der das Büro gegründet hat, war das immer klar. Für meinen Mann und mich eigentlich nicht. Durch den plötzlichen Tod meines Schwiegervaters – bereits 3 Jahre nach unserem Abschluss des Studiums, gab es keine Diskussion; das Büro musste weitergeführt werden. Verkaufen war keine Option.
Wir beiden waren aber nicht die einzigen Bauingenieure in der näheren Verwandtschaft. Meine Schwägerin – die Schwester meines Mannes – hatte einen Bauingenieur geheiratet, der bereits im Büro beschäftigt war. Dadurch konnte der Übergang nach dem Tod des Firmengründers ohne große Probleme stattfinden. Zusammengefasst: Wir konnten es uns nicht aussuchen, es war aber rückblickend die richtige Entscheidung.
1990, nach dem Tod Ihres Mannes, wurden Sie Gesellschafterin. Stand für Sie in dieser herausfordernden Situation gleich fest, dass Sie das Büro weiterführen?
Nein. Dazu muss ich ausholen. Mein Sohn Franz sollte nach dem Wunsch seines Vaters Bauingenieurwesen studieren. Er war davon nicht begeistert, da sein Herz für Germanistik brannte. Irgendwie hat es mein Mann geschafft, dass er Bauingenieurwesen studierte. Ein Zugeständnis war, dass er nicht ins Büro einsteigen musste. Er hat an der TU München studiert und uns einen kompetenten Ingenieur vermittelt. Dieser war beim plötzlichen Tod meines Mannes bereits 1 Jahr im Büro.
Viele haben erwartet, dass mein Sohn – er war bereits mit seinem Studium fertig – in das Büro einsteigt. Für mich wäre es wahrscheinlich einfacher gewesen. Ich wusste aber, dass mein Sohn im Büro nicht glücklich werden würde. Er brennt für die Forschung. Er leitet heute am MIT in Boston den Bereich Mechanik.
So ergab es sich, dass ich mit meinem Schwager, bis zu seinem Ausscheiden in den Ruhestand Ende 1990, das Büro führte. Unterstützung fand ich von vielen Kollegen. Von 1991 bis 1993 führte ich es dann alleine und ab 1993 mit dem von meinem Sohn vermittelten Ingenieur einige Jahre weiter.
Wie haben die damaligen Angestellten und die Auftraggeber reagiert, als Sie plötzlich die alleinige Chefin waren?
Da ich bereits seit 1962 aktiv im Büro gearbeitet hatte – ich war Angestellte – waren die Angestellten davon überzeugt, dass ich es mache und gut mache. Unsere Auftraggeber hatten dadurch im fachlichen Bereich keine wesentlichen Veränderungen. In der Akquise war alles für mich Neuland. Da kam mir die Unterstützung meines Schwagers, der bereits im Büro aktiv war, und natürlich auch das Wohlwollen unserer Auftraggeber entgegen.
Ein paar Jahre nach diesem Einschnitt gründeten Sie Niederlassungen und die Ulm Ingenieurgesellschaft wuchs. Wie kam es zu der Entscheidung, zu expandieren?
Nach der Wende waren viele der Meinung, dass die anstehenden Aufgaben in den damals jungen neuen Bundesländern nur durch ein Büro in diesen sinnvoll betreut werden können. Jena war die Partnerstadt von Erlangen. Somit konnten wir mit verschiedenen Auftraggebern den Sprung in die damals noch abenteuerlichen neuen Bundesländer wagen.
Seit 1996 ist Ihr Schwiegersohn Dieter Ulm als Gesellschafter mit dabei. Hatte Ihre Tochter kein Interesse?
Meine Tochter wurde von klein auf durch die Selbständigkeit ihrer Eltern geprägt. Aus ihrer Sicht nur negativ. Wenn beide Elternteile aktiv in einem Ingenieurbüro in der Geschäftsleitung unterwegs sind, hören die Fachgespräche nicht an der Haustüre auf. Es wurde im privaten Umfeld über diverse fachliche und büroorganisatorische Themen gesprochen.
Das kann einen Teenager richtig frustrieren. Aus dieser Zeit stammt auch der Satz meiner Tochter: „Ich werde nie einen Ingenieur heiraten“. Das es dann anders kam, ist eine andere Geschichte – jedenfalls wurde mein Schwiegersohn mein Geschäftspartner.
Sie sind bis heute im Büro als Seniorpartnerin aktiv und arbeiten noch zwei Tage die Woche. Ist das Büro Ihr Jungbrunnen?
Jungbrunnen würde ich nicht sagen. Aber ich bin davon überzeugt, dass man, wenn man im Alter geistig fit bleiben will, etwas dafür tun muss. An den zwei Tagen kann ich natürlich nicht mehr viel produktiv erzeugen, aber es erfüllt einen, wenn man noch regelmäßig sinnvoll aktiv sein kann.
Können Sie sich vorstellen, ganz aufzuhören?
Eigentlich nicht. Solange ich körperlich und geistig die Fähigkeiten habe, um ins Büro zu kommen, werde ich es auch tun. Und solange mich mein Schwiegersohn natürlich auch lässt.
Sie haben über Jahrzehnte hinweg im Ingenieurwesen gearbeitet und Veränderungen hautnah erlebt. Wenn Sie zurückblicken auf diese Zeit: Wie hat sich das Berufsbild von Ingenieurinnen und Ingenieuren gewandelt? Und wie bewerten Sie diese Veränderungen?
In meiner Anfangszeit bestand die Arbeit eines Ingenieurs in der statischen Bearbeitung von kleinen und großen Projekten. Die Zeit, die ein Bauingenieur ein Projekt begleitet, war sehr begrenzt und auf das reine statische Bearbeiten bezogen. Heute sind wir als Bauingenieure Allrounder im Projektteam. Wenn ich sehe, wie mein Schwiegersohn in den Projekten sich von Beginn des Entwurfs bis zur Abnahme einbringen muss, ist dies nicht mit früher zu vergleichen.
Die Veränderung vom „Erfüllungsgehilfen“ für die Standsicherheit hin zum wichtigen Teil des Planungsteams sehe ich als sinnvolle, aber auch anstrengende Veränderung. Die Wichtigkeit des Bauingenieurs wird damit wertgeschätzt.
Was raten Sie jungen Menschen, die sich selbstständig machen wollen? Und haben Sie für Frauen in Führungspositionen vielleicht noch einen besonderen Tipp?
Selbständigkeit ist etwas sehr Schönes, Anstrengendes, Nervendes und Gefährliches. Wer sich auf alles dies einlassen kann und will, wird darin seine Erfüllung finden. Schönes, weil man aktiv sein Arbeitsumfeld gestalten kann – auch in Bezug auf Arbeitszeit, auch wenn es im Normalfall mehr als 40 Stunden sind. Anstrengend, weil man nie sich zurücklehnen und auf dem ausruhen kann, was man erreicht hat. Nervend, weil man in jeder Situation alle Seiten, Baustelle, Auftraggeber, Angestellte, aber auch Familie unter einen Hut bringen muss. Gefährlich, weil man durch seine wirtschaftliche Eigenverantwortlichkeit auch sich dem Risiko von Misserfolgen aussetzt.
Als Tipp für Frauen, die sich der Selbständigkeit stellen wollen, kann ich mitgeben, dass man auch in Situationen, in denen man bedingt durch sein Geschlecht Nachteile erfährt – und das gibt es im Bauwesen immer noch – nicht den Kopf hängen lässt, sondern mutig nach vorne blickt.
Denken Sie, dass es Vorteile oder Nachteile hat, als Frauen im Bauwesen zu arbeiten?
Eigentlich habe ich mich immer gleichberechtigt gefühlt. Denn am Ende zählt das Fachliche. Wobei ich mich schon daran erinnere, dass einige Architekten es bevorzugt haben, mit meinem Mann zu sprechen. Und wenn ich auf der Baustelle mit dem Polier etwas klären musste, gerade im ländlichen Raum, dann habe ich mich da schon manchmal unwohl gefühlt. Das ist aber auch lange her; unsere Erziehung war damals eine andere.
Noch ein kurzes Wort zur Kammer: Sie sind 1991 in die Bayerische Ingenieurekammer-Bau eingetreten und wurden auch direkt in I. Vertreterversammlung der Kammer gewählt – zusammen mit zwei weiteren Damen, darunter die spätere Präsidentin Heidi Aschl. Noch heute sind Sie Mitglied der BayIka-Bau. Warum war bzw. ist es Ihnen wichtig, die Kammer mitzugestalten?
Unser Büro und mein Mann waren, solange ich denken kann, berufspolitisch engagiert. Er war Mitglied im VBI, ich wurde es auch. An der Gründung der Kammer war der VBI maßgebend beteiligt und so bestand früh eine enge Verbindung zur Kammer. Als die Wahlen zur ersten Vertreterversammlung der Kammer anstanden, stand ich auf Betreiben des damaligen VBI-Listenführers auf der Wahlvorschlagsliste und wurde dann auch in die Vertreterversammlung gewählt. Inzwischen führt mein Schwiegersohn diese Arbeit als Mitglied der Vertreterversammlung seit Jahren fort.
Kammerarbeit ist ein wichtiger Bestandteil unseres beruflichen Schaffens. Ohne eine starke berufsständische Vertretung, was die Kammer ja ist, sind wir alle Einzelkämpfer auf verlorenen Posten.
Gibt es etwas, das Sie dem aktuellen Vorstand oder den Mitgliedern ganz generell mit auf den Weg geben möchten?
Auch wenn man nicht immer große Brötchen backen kann und es im berufspolitischen Bereich Rückschläge gibt, ist die Arbeit der Kammer von großer Bedeutung. Ohne die Kammer und vor Allem die Arbeit der Mitglieder im Vorstand und in den Ausschüssen würden wir Bauingenieure in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen. Dies ist den Akteuren hoch anzurechnen, denn auch der stete Tropfen höhlt den Stein.
Frau Ulm, wir danken Ihnen für das Gespräch!
Fotos: privat; Ulm Ingenieurgesellschaft mbH & Co. KG
Die in der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau organisierten Frauen bekommen ihr eigenes Netzwerk. Wir laden euch herzlich ein, beim Kick-Off des neuen Netzwerks ingenieurinnen@bayika am 5. Februar 2026 in München dabei zu sein. Eingeladen sind alle am Bau tätigen Frauen - auch die, die (noch) nicht Kammermitglied sind. Das Netzwerk gibt Raum zum gegenseitigen Austausch, zu Vernetzung und Empowerment. Sei von Anfang an mit dabei und bring Deine Ideen ein!
Wie bei so vielen Ingenieurinnen und Ingenieuren wurde auch bei Ulrike Steinbach das Interesse am Bauen schon in Kindertagen geweckt. Ihre Vorbilder waren Mutter und Opa, die ein Architekturbüro betrieben. Steinbach ist inzwischen seit vielen Jahren neben ihrem Hauptjob auch in den Gremien der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau und auf Verbandsebene aktiv. Sie ist Mitglied im Arbeitskreis Gleichstellung und gehört der Vertreterversammlung der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau an.
Gemischte Teams erzielen bessere Ergebnisse, findet Angelika Rudloff. Passenderweise leitet sie den Arbeitskreis Gleichstellung der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau und teilt sich den Vorsitz mit Paul Haider. Sie wünscht sich einen höheren Anteil von Frauen in Führungspositionen, sieht aber in gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen mehrere Hemmnisse. " Positiv sehe ich, dass die Kammer offen ist für eine stärkere Beteiligung von Frauen – sowohl in der Vertreterversammlung als auch im Vorstand. Aber angesichts der niedrigen Gesamtzahlen an Bauingenieurinnen und der geringeren Besetzung von Führungspositionen bleibt dieses Ziel eine große Herausforderung", sagt Rudloff.
"Das schaffst du nicht!" – sagte einst ein Bekannter zu Vesela Krasteva-Stoltmann, als sie ihm erzählte, dass sie Bauingenieurwesen studieren wolle. "Jetzt erst recht!", war ihre Reaktion. Und inzwischen steht sie in diesem Beruf erfolgreich ihre Frau. Beim Regionalforum "Bauingenieurin – gestern, heute, morgen" in Deggendorf am 2. Juli 2025 erzählte sie von ihrem Werdegang. Lesen Sie hier das Interview mit Vesela Krasteva-Stoltmann.
Mehr Pippi Langstrumpf wagen – mit diesem Appell sprach sich Anneliese Hagl Mitte Februar beim Regionalforum "Bauingenieurin – gestern, heute, morgen" in Nürnberg für mehr Frauen in der Baubranche und in Führungspositionen aus. Zum Auftakt unserer Interviewserie mit Frauen im Ingenieurwesen haben wir mit der Glasbauexpertin gesprochen.
Die Baubranche befindet sich im Wandel, auch hinsichtlich der Struktur der am Bau Beteiligten. War die Baubranche bis vor ein paar Jahrzehnten vor allem eine Männerdomäne, ergreifen heute immer mehr Frauen ein Ingenieurstudium und streben nach verantwortungsvollen Positionen oder eröffnen ein eigenes Büro. Der Ausschuss „Leben | Arbeit | Karriere“ hatte am 13.02.2025 unter dem Motto "Bauingenieurin: Gestern, heute, morgen“ zum Austausch unter Kolleginnen und Kollegen aller Disziplinen zum Regionalforum nach Nürnberg eingeladen. Lesen Sie hier unseren kurzen Rückblick und sehen sich die Fotos an!
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