11.03.2026 - München
In Teil 6 unserer Interviewreihe mit Frauen im Ingenieurwesen sprechen wir mit Anita Reichl-Lachmann, eine von bundesweit nur fünf weiblichen Prüfsachverständigen im konstruktiven Ingenieurbau im Eisenbahnbereich. Frau Reichl-Lachmann absolvierte vor ihrem Studium eine Ausbildung zur Bauzeichnerin. Anschließend ging sie im gleichen Büro den Weg von der Werksstudentin zur geschäftsführenden Gesellschafterin. Wie der hausinterne Weg zur Führungskraft klappte und wie sie Job und Familie wuppt, erzählt sie im Interview.
Frau Reichl-Lachmann, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für
das Interview mit uns nehmen. Erzählen Sie uns bitte: Wie kam es, dass Sie
Ingenieurin geworden sind?
Mich hat das Thema Bauen schon immer sehr fasziniert, obwohl ich familiär nicht aus der Baubranche komme. Nach meinem Realschulabschluss habe ich zunächst eine Ausbildung zur Bauzeichnerin absolviert, die mir sehr viel Freude bereitet hat. Schnell wurde mir jedoch klar, dass ich mich fachlich weiterentwickeln möchte.
Ich entschied mich daher für eine Weiterbildung zur staatlich geprüften Bautechnikerin, die mir den Weg zum Studium der Bauingenieurwissenschaften eröffnete. Während des Studiums habe ich mich auf den Fachbereich Stahlbau spezialisiert – einer Leidenschaft, der ich bis heute treu geblieben bin.
Sie sind u.a. Prüfsachverständige im Eisenbahnbereich für die Fachgebiete Stahlbau, Verbundbau und Schweißtechnik. Wie viele Kolleg:innen gibt es in diesem Spezialgebiet? Und wie viele davon sind Frauen?
Der Eisenbahnbereich ist fachlich sehr anspruchsvoll und hoch spezialisiert. Bundesweit gibt es rund 100 Prüfsachverständige im konstruktiven Ingenieurbau – davon sind lediglich fünf Frauen. Das verdeutlicht, wie wichtig Sichtbarkeit ist und zu zeigen: Ja, Frauen gehören hier genauso selbstverständlich dazu.
Diese Haltung wird auch gelebt. Ich engagiere mich ehrenamtlich im Fachausschuss des konstruktiven Ingenieurbaues des VDEI sowie im Arbeitskreis BIM des VPI. Der fachliche Austausch und die Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen sind dabei sehr bereichernd.
2024 sind Sie Geschäftsführende Gesellschafterin im Ingenieurbüro Förster + Sennewald GmbH geworden. 2004 haben Sie dort als Werkstudentin und 2007 als Mitarbeiterin angefangen. Wie klappte der Wechsel von der Kollegin zur Chefin?
Der Wechsel von der Mitarbeiterin in die Geschäftsführung war spannend, da man im Vorfeld nicht genau weiß, wie sich Rollen und Dynamiken verändern. Obwohl ich mich als Person nicht verändert habe, haben sich Aufgaben, Verantwortung und Perspektive deutlich erweitert. Rückblickend – zwei Jahre später – kann ich sagen, dass der Übergang nahezu reibungslos verlief. Das lag sicherlich auch daran, dass dieser Schritt für die Kolleg:innen nicht überraschend kam.
Ich bin bereits seit 2022 als Prüfsachverständige tätig und seit vielen Jahren zentrale Ansprechpartnerin im Stahlbau. Bereits 2016 habe ich die Ausbildung von Bauzeichner:innen in unserem Unternehmen eingeführt.
Verantwortung zu übernehmen und aktiv an der Weiterentwicklung des Unternehmens mitzuwirken, war mir schon immer ein Anliegen. Umso mehr freue ich mich über den großen Rückhalt – sowohl aus dem Team als auch aus der Geschäftsleitung der gesamten Firmengruppe. Diese Unterstützung ist sehr wertvoll.
In der Geschäftsführung im Ingenieurbüro Förster + Sennewald sind Sie die einzige Frau unter fünf Männern. Warum denken Sie, ist das so? Gibt es keine anderen Frauen, die für die Geschäftsführung qualifiziert wären?
Ich bin überzeugt, dass es keineswegs an fehlender Qualifikation liegt. Es gibt viele hervorragend ausgebildete Ingenieurinnen. Häufig sind es persönliche Lebenssituationen, strukturelle Rahmenbedingungen, fehlende Vorbilder oder auch eigene Zweifel, die Frauen von diesem Karriereschritt abhalten.
Der insgesamt geringere Anteil von Frauen im Bauingenieurstudium verstärkt diesen Effekt zusätzlich. Führungspositionen bedeuten Verantwortung und Sichtbarkeit – und dafür braucht es Mut. Umso wichtiger ist es, selbst sichtbar zu sein und als Vorbild zu wirken.
Sie sind nicht nur Geschäftsführerin in einer
anspruchsvollen Branche, sondern auch Mutter. Was ist Ihr Geheimrezept,
Berufliches und Privates gut unter einen Hut zu bekommen?
Mein persönliches „Geheimrezept“ ist, dass ich das tue, was mir wirklich Freude bereitet. Ich habe eine großartige Familie, die mich sehr unterstützt, und übe einen Beruf aus, für den ich brenne.
Den Grundstein dafür haben wir bereits mit der Familiengründung gelegt: durch eine bewusste und gleichmäßige Aufteilung von Elternzeit, Haushalt und Beruf. Diese Entscheidung bedeutete damals für beide Elternteile bewusst gewählte Einschnitte. Mit dem Älterwerden der Kinder konnte ich den Fokus wieder stärker auf meine berufliche Entwicklung legen. Karriereschritte haben sich dadurch nach hinten verschoben – rückblickend würde ich es jedoch wieder genauso machen.
Sind Ihre „Mama-Soft-Skills“ manchmal auch im Job nützlich?
Definitiv. Sie haben meine Herangehensweise an Personalthemen stark und aus meiner Sicht sehr positiv geprägt. Geduld, Empathie, Konfliktfähigkeit und das gleichzeitige Koordinieren mehrerer Themen sind im beruflichen Alltag äußerst wertvoll.
Dass ich die Herausforderungen kenne, mit denen berufstätige Eltern in bestimmten Lebensphasen konfrontiert sind, empfinde ich als großen Gewinn. Am Ende geht es immer um Menschen – und darum, sie mitzunehmen.
Die Bayerische Ingenieurekammer-Bau hat im Februar 2026
ihr eigenes Frauennetzwerk, ingenieurinnen@bayika, gegründet. Was halten Sie
von dieser Initiative?
Ich halte diese Initiative für großartig. Sie schafft Raum für Austausch – fachlich wie persönlich –, für gegenseitige Unterstützung und für Sichtbarkeit. Gerade in einer Branche, in der Frauen noch immer unterrepräsentiert sind, kann ein solches Netzwerk wichtigen Rückenwind geben. Gebündelt entsteht eine starke Stimme, die mehr Einfluss gegenüber Politik und Wirtschaft entfalten kann.
Das Netzwerk scheint einen Nerv getroffen zu haben. Die Kammer hat enorm viel Zuspruch erhalten. Ob am Gründungsabend vor Ort oder in den Kommentaren auf Social Media – der Tenor war: „Endlich!“ und „Danke für die Initiative!“. Was denken Sie: Wird die Zeit, in der es Frauennetzwerke braucht, irgendwann vorbei sein oder wird es auch in 50 oder 100 Jahren noch Bedarf geben?
Vielleicht wird es sie eines Tages nicht mehr brauchen – und das wäre ein sehr positives Zeichen. Es würde bedeuten, dass Vielfalt, Chancengleichheit und unterschiedliche Perspektiven in der Bau‑ und Ingenieurpraxis selbstverständlich geworden sind.
Bis dahin erfüllen Frauennetzwerke jedoch eine wichtige Aufgabe: Sie machen sichtbar, was noch nicht überall gelebte Realität ist, bieten fachlichen und persönlichen Rückhalt und ermutigen dazu, Verantwortung zu übernehmen und den eigenen Weg zu gehen. Der große Zuspruch zeigt sehr deutlich, wie hoch der aktuelle Bedarf ist.
Was kann ein solches Frauennetzwerk leisten? Und was ist Ihr Wunsch an bzw. Ihr Impuls für ingenieurinnen@bayika?
Ein gutes Netzwerk bündelt Kompetenz, ermöglicht Austausch über unterschiedliche Karrierephasen hinweg und macht vorhandenes Know‑how sichtbar. Gerade in der Bau‑ und Ingenieurpraxis ist das ein wichtiger Beitrag, um Potenziale besser zu nutzen.
Mein Wunsch für ingenieurinnen@bayika ist es, Ingenieurinnen miteinander zu vernetzen, Orientierung zu geben und sie darin zu bestärken, ihren Platz in der Branche aktiv einzunehmen – fachlich fundiert, selbstbewusst und mit Wirkung.
Am 8. März war Weltfrauentag. Was denken Sie: Nur Symbolik oder bewirkt der Tag etwas?
Der Weltfrauentag ist ein Symbol – und ein wichtiges. Er erinnert daran, dass vieles, was heute selbstverständlich erscheint, hart erkämpft wurde. Gleichzeitig fordert er uns auf, nicht stehen zu bleiben. Wenn dieser Tag Diskussionen anstößt, Sichtbarkeit schafft und zum Nachdenken anregt, dann bewirkt er etwas. Und er ist auch eine Gelegenheit, wertzuschätzen, wie viel Frauen bereits erreicht haben.
Frau Reichl-Lachmann, wir danken Ihnen für das Gespräch!
Fotos: Maria Huber, Foto mit Herz, Dorfen; PicturePeople; fotostudio bernhard lehn; privat
Das Netzwerk "ingenieurinnen@bayika" ist ein Zusammenschluss der in der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau organisierten Frauen. Ziel des BayIka-Frauennetzwerkes ist es, den fachlichen und persönlichen Austausch zu stärken und die Frauen in den Bauberufen nachhaltig sichtbar zu machen. Um dies zu erreichen, interviewen wir Frauen aus dem Bauwesen und laden regelmäßig zu Veranstaltungen in die verschiedenen Regionen Bayerns ein. Die Kick-Off-Veranstaltung zur Gründung des Netzwerks ingenieurinnen@bayika.de fand am Donnerstag, den 5. Februar 2025 in München statt.
Die erfolgreiche Veranstaltungsreihe "Bauingenieurin: gestern, heute, morgen" wird fortgesetzt und gastiert in Bamberg! Nach Nürnberg, Deggendorf und Kempten kommen wir nun nach Oberfranken. Drei Ingenieurinnen mit unterschiedlichem beruflichen Hintergrund und Berufserfahrung tauschen sich über Herausforderungen für Frauen im Ingenieurberuf aus und berichten von ihren persönlichen Erfahrungen. Mit dabei ist Dipl.-Ing. (FH) Hertha Ulm, das älteste weibliche Kammermitglied. Sie ist auch im hohen Alter noch zwei Tage die Woche als Seniorpartnerin im Büro aktiv - und denkt noch lange nicht ans Aufhören.
Mehr als 70 Ingenieurinnen waren Anfang Februar zur Gründungsveranstaltung des neuen Frauennetzwerks „ingenieurinnen@bayika“ der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau gekommen. Im Interview spricht die Bundesingenieurkammer mit Stephanie Sierig, Bauingenieurin und Vorsitzende des Ausschusses Leben | Arbeit | Karriere der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau. In diesem Ausschuss ist die Idee zur Gründung des Frauennetzwerks entstanden.
Hertha Ulm ist das älteste weibliche Mitglied der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau und der Kammer seit ihrer Gründung verbunden. Sie war eine von drei weiblichen Mitgliedern der ersten Vertreterversammlung. Eine starke berufsständische Vertretung ist für sie elementar. Berufspolitische Arbeit ist von Höhen und Tiefen gekennzeichnet, doch steter Tropfen höhlt den Stein, findet sie. Hertha Ulm führte viele Jahre lang ein Büro für Tragwerksplanung in Erlangen und ist auch mit Ende 80 noch zwei Tage die Woche im Büro.
Wie bei so vielen Ingenieurinnen und Ingenieuren wurde auch bei Ulrike Steinbach das Interesse am Bauen schon in Kindertagen geweckt. Ihre Vorbilder waren Mutter und Opa, die ein Architekturbüro betrieben. Steinbach ist inzwischen seit vielen Jahren neben ihrem Hauptjob auch in den Gremien der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau und auf Verbandsebene aktiv. Sie ist Mitglied im Arbeitskreis Gleichstellung und gehört der Vertreterversammlung der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau an.
Gemischte Teams erzielen bessere Ergebnisse, findet Angelika Rudloff. Passenderweise leitet sie den Arbeitskreis Gleichstellung der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau und teilt sich den Vorsitz mit Paul Haider. Sie wünscht sich einen höheren Anteil von Frauen in Führungspositionen, sieht aber in gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen mehrere Hemmnisse. " Positiv sehe ich, dass die Kammer offen ist für eine stärkere Beteiligung von Frauen – sowohl in der Vertreterversammlung als auch im Vorstand. Aber angesichts der niedrigen Gesamtzahlen an Bauingenieurinnen und der geringeren Besetzung von Führungspositionen bleibt dieses Ziel eine große Herausforderung", sagt Rudloff.
"Das schaffst du nicht!" – sagte einst ein Bekannter zu Vesela Krasteva-Stoltmann, als sie ihm erzählte, dass sie Bauingenieurwesen studieren wolle. "Jetzt erst recht!", war ihre Reaktion. Und inzwischen steht sie in diesem Beruf erfolgreich ihre Frau. Beim Regionalforum "Bauingenieurin – gestern, heute, morgen" in Deggendorf am 2. Juli 2025 erzählte sie von ihrem Werdegang. Lesen Sie hier das Interview mit Vesela Krasteva-Stoltmann.
Mehr Pippi Langstrumpf wagen – mit diesem Appell sprach sich Anneliese Hagl Mitte Februar beim Regionalforum "Bauingenieurin – gestern, heute, morgen" in Nürnberg für mehr Frauen in der Baubranche und in Führungspositionen aus. Zum Auftakt unserer Interviewserie mit Frauen im Ingenieurwesen haben wir mit der Glasbauexpertin gesprochen.
Die Baubranche befindet sich im Wandel, auch hinsichtlich der Struktur der am Bau Beteiligten. War die Baubranche bis vor ein paar Jahrzehnten vor allem eine Männerdomäne, ergreifen heute immer mehr Frauen ein Ingenieurstudium und streben nach verantwortungsvollen Positionen oder eröffnen ein eigenes Büro. Der Ausschuss „Leben | Arbeit | Karriere“ hatte am 13.02.2025 unter dem Motto "Bauingenieurin: Gestern, heute, morgen“ zum Austausch unter Kolleginnen und Kollegen aller Disziplinen zum Regionalforum nach Nürnberg eingeladen. Lesen Sie hier unseren kurzen Rückblick und sehen sich die Fotos an!
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