29.05.2026 - München
Unter dem Motto „Kein Ding ohne Ing.“ stellt die Bayerische Staatszeitung auf einer Sonderseite regelmäßig spannende Projekte von Kammermitgliedern vor. Im neuesten Artikel erläutern Dr.-Ing. Otto Wurzer und Dr.-Ing. Gerald Schmidt-Thrö von der WTM Engineers München GmbH, wie mit der neuen Fuß- und Radwegbrücke über die Offenbachstraße Nord in München-Pasing ein wichtiger Baustein der Mobilitätswende realisiert wurde. Die Brücke zeigt, wie mit anspruchsvoller Ingenieurbaukunst Funktionalität, Gestaltung und Nachhaltigkeit überzeugend zusammengeführt werden.
Auf der Grundlage des Stadtentwicklungskonzeptes „perspektive münchen“ aus dem Jahr 2006 wurden im vergangenen Jahrzehnt die zentralen Bahngebiete zwischen dem Hauptbahnhof München bis zum Würmgrünzug in Pasing stadtplanerisch umstrukturiert. Unter dem Motto „kompakt-urban-grün“ ist entlang der Bahn eine neue Stadtlandschaft entstanden. Dazu gehört neben der Entwicklung neuer Quartiere insbesondere eine Mobilitätswende. Neben der Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs z.B. mit der Verlängerung der U-Bahn-Linie U5 nach Pasing stellt der Ausbau des Fuß- und Radwegnetzes zwischen Hauptbahnhof-Laim-Pasing einen maßgeblichen Baustein dazu dar.
Wesentliche Elemente dieses Fuß- und Radwegenetzes sind über 8 km in Ost-West-Richtung verlaufende durchgehende Radwegtrassen nördlich und südlich der Bahn und über die Bahnachsen kreuzende Fuß- und Radwegstege. So sollen die neuen Stadtquartiere besser vernetzt und das bestehende Fahrradroutennetz wirkungsvoll ergänzt werden.
Insbesondere die nördlich der Bahn verlaufende Radwegroute soll als hocheffiziente Fahrradroute ausgebaut werden. Mit der Fertigstellung der neuen Fuß- und Radwegbrücke über die Offenbachstraße Nord ist ein wichtiger Lückenschluss in der nördlich der Bahn verlaufenden Route gelungen.
Neben dieser Rolle als Lückenschluss erfüllt die neue
Brücke noch weitere wichtige Aufgaben. Zum einen dient sie dem direkten fuß-
und radverkehrlichen Anschluss des neuen Quartiers an der Paul-Gerhard-Allee an
den Bahnhof Pasing und zum anderen bindet sie das Quartier auf dem alten
“Weyl-Gelände“ westlich der Offenbachstraße an das Radwegnetz in Richtung Osten
an. Des Weiteren wird die nördlich gelegene Kreuzung Offenbachstraße /
Nusselstraße über Rampen angeschlossen.
Diese komplexe verkehrliche Situation erfordert es, Verkehrsströme aus verschiedenen Richtungen mit unterschiedlich schnellen Verkehrsteilnehmern vor der Brücke sicher zusammenzuführen, zu bündeln und auf der gegenüberliegenden Seite der Offenbachstraße wieder aufzulösen.
Der Grundriss der neuen Brücke mit seinem zur südlich gelegenen Bahntrasse gerade verlaufenden Rand und dem stark gekrümmten nördlichen Rand mit den ausgeprägten Aufweitungen im Bereich der Widerlager ist darauf eine wirkungsvolle gestalterische Antwort. Dabei wird die geradlinige südliche Trassenführung vom „schnelleren“ Radverkehr genutzt, die gekrümmte Querschnittshälfte wird dem Fußweg zugeschrieben. Geh- und Radweg werden voneinander durch einen 30 cm breiten visuellen und taktilen Trennstreifen abgesetzt.
Auf beiden Seiten der Offenbachstraße werden unmittelbar nördlich der neuen Fuß- und Radwegbrücke Treppen angeordnet, welche die Fußgänger auf die neue Querung hinweisen und für kurze Wege sorgen. Der östliche Gehweg der Offenbachstraße wird außerdem barrierefrei über eine Rampe an die Brücke angeschlossen.
Auch die markante L-Form des Querschnittes der neuen Brücke ist vor allem durch funktionale Kriterien geprägt. Nach Süden hin schirmt ein in statischer Hinsicht hoch leistungsfähiger, wandartiger Träger die Fußgänger und Radfahrer vor visuellen und akustischen Irritationen des Bahnbetriebes ab. Am nördlichen Rand weist der mehrzellige Hohlkasten nur eine kleine Aufkrempelung auf, die als „Fußbord“ für das ohne ausgeprägte Pfosten sehr gleichmäßig gestaltete Geländer dient. Auf diese Weise bietet die Brücke nach Norden hin Orientierung für die Verkehrsteilnehmer und lädt durch den freien Blick zum Verweilen ein.
Abgerundet wird der Brückenentwurf durch ein modernes Lichtkonzept. Während der Nachtstunden sorgen Mastleuchten, die an den sogenannten Verteilungspunkten des Wegenetzes angeordnet werden, für eine flächige Ausleuchtung der Brücke.
Der kontinuierliche Übergang zwischen den anbindenden Wegen und dem Brückenüberbau wird durch die Anordnung von zwei flach gegründeten, massiven Widerlagern bewerkstelligt, welche eine komplexe Geometrie aufweisen. Erdseitig wird die Widerlagerwand lotrecht hergestellt, straßenseitig besitzen die Widerlager eine Neigung von 45°. Im südlichen Bereich der Brücke verläuft die Vorderkante der Widerlager parallel zur Offenbachstraße. Nach Norden hin werden die Fundamentvorderkanten jeweils zu den Böschungen verzogen. Die Vereinigung des nördlichen Überbaurands und mit den Widerlagerwänden an den Böschungsschultern setzt so die ausgeprägte visuelle Portalwirkung der Brücke attraktiv in Szene.
Die Offenbachstraße stellt mit ihrer Unterführung unter den
Bahngleisen eine wichtige und stark frequentierte Nord-Süd-Verbindung zwischen
Landsberger- und Verdistraße dar. Deshalb war das Lichtraumprofil der
Offenbachstraße mit einer lichten Höhe von mind. 4,70 m im Bau- und Endzustand
der neuen Fuß- und Radwegbrücke strikt einzuhalten. In Verbindung mit der durch
die behindertengerechte Trassierung limitierten Längsneigung der überführten
Fuß- und Radwege ist dadurch nur eine geringe Bauhöhe des neuen Überbaus
möglich.
Die konsequente gestalterische und konstruktive Antwort auf diese Herausforderung stellt ein integrales und hybrides Brückentragwerk dar. Dessen werksgefertigter Stahlüberbau überspannt schlank und elegant die Offenbachstraße und ist in die prägnant geformten, massiven Widerlager eingespannt. Über eine mit zahlreichen Verbindungsmitteln versehene stählerne Fingerkonstruktion wird an den Enden des Stahlüberbaus eine kraftschlüssige Verbindung zwischen den Widerlagern aus Stahlbeton und dem stählernen Überbautragwerk sichergestellt.
Ob von Norden, Nord-Westen oder von Nord-Osten betrachtet, die neue Fuß- und Radwegbrücke überzeugt durch ihre dynamische Formensprache. Sie ermöglicht aus verschiedenen Blickwinkeln interessante und spannende visuelle Wahrnehmungen. Die bisher wenig attraktive Portalsituation am nördlichen Rand der Unterführung der Offenbachstraße unter den Bahngleisen wird architektonisch erheblich aufgewertet. Die integrale Bauweise geht darüber hinaus mit einem geringem Unterhaltungsaufwand einher. Das Bauwerk stellt damit sowohl in seiner Herstellung als auch auf seine Lebensdauer betrachtet eine architektonisch hochwertige und gleichzeitig robuste, wirtschaftliche und damit auch nachhaltige Lösung dar.
Während der gesamten Bauzeit konnten die Verkehrseinschränkungen auf der Offenbachstraße auf ein äußerstes Minimum beschränkt werden. Durch die werkseitige Vorfertigung des Stahlüberbaus war nur für den Einhub eine Vollsperrung der Offenbachstraße für ein Wochenende erforderlich. Der mit bauzeitlichen Verkehrsstörungen einhergehende erhebliche zusätzliche CO2-Ausstoss aus dem Individualverkehr konnte auf diesem Wege nahezu vermieden werden.
Abschließend sei noch auf eine weitere ingenieurbauliche Herausforderung bei der Herstellung der neuen Fuß- und Radwegbrücke hingewiesen. Das Aufbringen des Gussasphaltbelags direkt auf das Deckblech des Stahlüberbaus eines integralen Bauwerks macht neben vertieften statischen Untersuchungen zusätzliche konstruktive und bauliche Maßnahmen erforderlich. So wurde durch den abgestimmten streifen- und lagenweisen Einbau des Gussasphalts die thermischen Einwirkungen auf die Stahlbauteile erheblich eingedämmt und das Deckblech durch unterseitig angeordnete Bleche zusätzlich ausgesteift. Bauseitig wurde der Gussasphalteinbau außerdem durch thermische Messungen begleitet und überwacht.
Am 17. Mai 2024 wurde die Fuß- und Radwegbrücke über die Offenbachstraße Nord von der Baureferentin der Landeshauptstadt München, Frau Dr. Jeanne-Marie Ehbauer, und vom Mobilitätsreferenten der Landeshauptstadt München, Herrn Georg Dunkel, für den Verkehr freigegeben.
Die neue Fuß- und Radwegbrücke erfreut sich bei Anwohnern wie Nutzern großer Beliebtheit. Sie hat in Presse und Medien eine sehr positive Resonanz erfahren. Fahrradfahrer schätzen insbesondere die Dynamik des Radwegs und die Übersichtlichkeit auf der Brücke. Passanten in der Offenbachstraße loben die schöne Silhouette des beim Bayerischen Ingenieurpreis 2025 ausgezeichneten Bauwerks. Sie ist zu einem Treffpunkt für die Anwohner der neuen Quartiere in Pasing geworden. Unmittelbar vor der Brücke angeordnete Sitzbänke laden zur nachbarschaftlichen Kommunikation und zum Verweilen ein.
Zum Schutz der neuen Brücke vor Vandalismus wurde auf Anregung der Münchner Baureferentin, Frau Dr. Jeanne-Marie Ehbauer, inzwischen auch ein Graffiti-Projekt verwirklicht. Auf der ursprünglich einfarbig weißen Nordseite des südseitigen Brückentragwerks hat der bekannte Künstler Loomit zusammen mit einer Gruppe von 20 Kindern und Jugendlichen ein großes Wandbild gestaltet, das ein farbintensives Naturmotiv zeigt. Es stellt u. a. zwei Bäume dar, die sich in der Brückenmitte mit ihren Kronen treffen. So ist die neue Fuß- und Radwegbrücke über die Offenbachstraße Nord kurz nach ihrer Eröffnung zu einem wichtigen Element modernen städtischen Lebens geworden; ganz nach dem Leitmotiv "Kompakt - Urban - Grün".
Dr.-Ing. Otto Wurzer und Dr.-Ing. Gerald Schmidt-Thrö von der WTM Engineers München GmbH sind Mitglieder der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau. Dr.-Ing. Otto Wurzer ist außerdem Vorsitzender des Ausschusses "Öffentlichkeitsarbeit" der Kammer.
Kein Ding ohne ING
In Zusammenarbeit mit der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau stellt die Bayerische Staatszeitung auf einer Sonderseite in regelmäßigen Abständen spannende Projekte von Mitgliedern der Ingenieurekammer-Bau vor.
Fotos: Markus Lederwascher / WTM Engineers, Wilfried Dechau, Jaser Heideri / WTM Engineers, Wilfired Dechau, Jaser Heideri / WTM Engineers
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Bayerischen Staatszeitung
Einmal im Quartal erscheint ein ganzseitiger Artikel über ein Projekt eines Mitgliedes der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau in der Bayerischen Staatszeitung. Auch Ihr Projekt kann dabei sein!
Alles,
was Sie tun müssen, ist eine Mail an Sonja Amtmann, Pressereferentin
der Kammer, zu schicken und kurz zu skizzieren, welches Projekt Sie
gerne vorstellen möchten und was Ihr Projekt ausmacht.
Es gibt keinerlei
Begrenzungen hinsichtlich des Fachgebietes. Auch kann das Bauvorhaben
an jedem beliebigen Ort der Erde realisiert worden sein.
Einzige
zwingende Voraussetzung ist, dass der Autor des Artikels Kammermitglied
ist und das Projekt möglichst nicht älter als fünf Jahre ist.
Wenn noch Fragen offen sind...
...
hat Sonja Amtmann, die Pressereferentin der Kammer, stets ein offenes
Ohr für Sie. Rufen Sie an unter +49 (0) 89 419434-27 oder schicken Sie eine
E-Mail an smtmnnbykd.
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