14.09.2026 - München
Veränderungsprozesse aktiv zu gestalten, ist Katharina Wolgast ein wichtiges Anliegen. Ganz gleich, ob es um die nachhaltige Transformation im Bauwesen geht oder um die Rahmenbedingungen der Branche wie z.B. den Frauenanteil. Im Job und im Ehrenamt setzt sie sich dafür ein, Menschen für Veränderungen zu begeistern und ihnen das dafür nötige Werkzeug an die Hand zu geben. Im Juli 2026 leitete sie zusammen mit Angela Feldmann und Franziska Roos den Workshop Change Management. Katharina Wolgast ist die neunte Gesprächspartnerin unserer Interviewreihe mit Frauen im Ingenieurwesen.
Frau Wolgast, vielen Dank, dass Sie sich Zeit für das Interview mit uns nehmen. Erzählen Sie uns doch bitte kurz, warum Sie Ingenieurin geworden sind und ob es bestimmte Personen oder Momente gab, die zu dieser Entscheidung beigetragen haben.
Mir war früh klar, dass ich einen Beruf ausüben möchte, bei dem ich einen gesellschaftlichen Nutzen erbringen kann. Da meine Stärken schon immer im naturwissenschaftlichen Bereich lagen, habe ich mir mehrere Berufe in Bereich des Ingenieurwesens angeschaut.
Je mehr ich über die Vielseitigkeit des Berufsbildes der Bauingenieurin und die damit verbundene gesellschaftliche Verantwortung erfuhr, desto klarer wurde meine Entscheidung. Der zeitweise verwendete Begriff „Zivilingenieurin“ bringt diesen Anspruch aus meiner Sicht besonders treffend zum Ausdruck.
Hätten Sie sich auch einen anderen Beruf vorstellen können? Wenn ja, welchen?
Es gab einige Berufe, die ich mir hätte vorstellen können: Ärztin, Staatsanwältin, Medizintechnikerin, Maschinenbauingenieurin, Architektin. Aber kein Berufswunsch war so konkret wie der der Bauingenieurin.
Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus?
Als Produktmanagerin bei der SOFiSTiK AG beschäftige ich mich täglich mit der Frage, wie wir Tragwerksplaner:innen bestmöglich dabei unterstützen können, ihre Arbeit effizienter und zielgerichteter zu erledigen. Dabei hilft mir meine eigene Berufserfahrung als Tragwerksplanerin sehr, denn ich kenne die Anforderungen und Herausforderungen des Arbeitsalltags aus eigener mehrjähriger Erfahrung.
Mein Ziel ist es, die Anforderungen an Bemessungsaufgaben von Tragwerksplaner:innen schnell und praxisnah in unserer Software abzubilden, damit diese mehr Zeit und Fokus für die Vielfalt ihrer Planungsaufgaben zur Verfügung haben. Gerade im Bereich der statischen Berechnung und Dokumentation fallen viele wiederkehrende Aufgaben an.
Aus meiner Sicht bietet die Baubranche bei der Automatisierung noch großes Potenzial. Dieses möchte ich insbesondere in der Tragwerksplanung im Hochbau weiter erschließen.
Dabei versuche ich regelmäßig, einen Schritt zurückzutreten und mir aus Sicht einer Tragwerksplanerin die Frage zu stellen: „Planst du noch oder bemisst du noch?“ Sie verdeutlicht den Anspruch, Routineaufgaben möglichst weit zu automatisieren und Freiräume für Ingenieurleistung zu schaffen. Diese Methodik des „Zurücktretens“, um das ganze Bild zu betrachten, habe ich mir von meinem großen Hobby des Bergsteigens übernommen. Auch hier ist ein Gesamtüberblick immer wertvoll sowie im richtigen Moment das Auge fürs Detail.
Was sind, beruflich gesehen, Ihre Ziele für die Zukunft?
In Zukunft beziehungsweise auch schon aktuell stehen wir vor vielen Herausforderungen: klimatische Veränderungen kombiniert mit Fachkräftemangel werden uns in den nächsten Jahren noch stark beschäftigen. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir mit der richtigen Kombination aus Digitalisierung, Förderung von weiblichen Fachkräften und insbesondere einer ordentlichen Portion Mut zur Veränderung gegen festgefahrene Strukturen gegensteuern und die Herausforderungen meistern können. Ich möchte mit meinem beruflichen und auch ehrenamtlichen Engagement genau dazu beitragen.
Sie engagieren sich im Verein Attitude Building Collective e.V. (ABC). Was macht der Verein und was hat Sie motiviert, sich dort ehrenamtlich einzubringen?
Das ABC ist ein Verein, aber auch eine Plattform und ein Netzwerk. Unser Ziel ist es, alle Bauschaffenden für die Transformation im Bauwesen mobilisieren. Gemeinsam wollen wir das Bauen weiterentwickeln und Impulse für eine ganzheitlich nachhaltige Bauwirtschaft setzen.
Ich sehe im ABC die großartige Möglichkeit, mich mit anderen Bauschaffenden zu vernetzten, die Veränderungen vorantreiben wollen. Aufgrund unser Struktur finden sich, sobald eine Idee entsteht, schnell Gleichgesinnte zu einer Arbeitsgruppe zusammen. So konnten wir von der Idee bis zur Umsetzung innerhalb kurzer Zeit Projekte wie die Entwurfstafeln „Ökobilanzierung in der Tragwerksplanung“ (Ein kompakter Guide für den täglichen Einsatz von Ökobilanzen für Tragwerksplanner:innen) oder die Change Maker Roadmap umsetzen.
Die Change Maker Roadmap haben Sie zusammen mit Angela Feldmann und Franziska Roos im Juli bei einem Workshop des BayIka-Frauennetzwerks vorgestellt. Wie kam es dazu und wie funktioniert die Change Maker Roadmap?
Neben vielen Themen, die wir beim ABC umsetzen, die sich konkret mit Nachhaltigkeit in der Bauwirtschaft beschäftigen, haben wir gemerkt, dass der Veränderungsprozess an sich schon ein Projekt ist. Wahrscheinlich ist jeder schon mal an den Punkt gestoßen, dass sich eine vielversprechende Idee am Ende doch nicht durchgesetzt hat, weil bestehende Strukturen „blockieren“.
Aus diesem Grund haben wir uns in der Arbeitsgruppe „Change Maker“ auf Transformationsprozesse fokussiert und dabei festgestellt, dass in unserem geschlechtertechnisch zwar gleichmäßig verteilten Verein dieses Thema gerade bei weiblichen Mitgliedern auf besonders großes Interesse und Engagement stößt.
Als Ergebnis dieser Arbeitsgruppe ist die Change Maker Roadmap entstanden. Sie soll Einzelpersonen aber auch Gruppen dabei unterstützen, Schritt für Schritt Veränderungsprozesse zu definieren und umzusetzen. Es handelt sich um ein Prinzip, das auf verschiedenste Settings übertragbar ist.
Diese, wie auch alle unsere Projektergebnisse, stellen wir „open source“ auf der ABC-Webseite zur Verfügung.
Kann die Baubranche Ihrer Ansicht nach Veränderung in punkto Frauenanteil gebrauchen?
Auf jeden Fall! Bauingenieur:innen gestalten unsere gebaute Umwelt, in der unsere Zivilgesellschaft lebt, arbeitet und somit Platz für Entfaltung bietet. Wenn die Gestaltenden nicht unsere gesamte Gesellschaft und verschiedene Lebensrealitäten widerspiegeln, können wir unserem Anspruch gar nicht gerecht werden. Zusätzlich bin ich der Auffassung, dass Frauen durch eine in der Regel höhere Empathiefähigkeit, der doch durchaus rauen Baubranche sehr guttun.
Wie haben Sie den Abend erlebt, als Sie mit Ihren beiden Mitstreiterinnen den Workshop für das Frauennetzwerk geleitet haben?
Der Abend war von einem außergewöhnlich starken Gemeinschaftsgefühl geprägt. Von Anfang an entstand eine vertrauensvolle Atmosphäre, in der sich alle Beteiligten offen austauschen konnten. Es standen gegenseitige Unterstützung, ehrliches Interesse an den Erfahrungen der anderen und das gemeinsame Ziel im Mittelpunkt, ein starkes Netzwerk für Frauen im Bauwesen zu schaffen. Diese wertschätzende Haltung, kombiniert mit einer spürbar positiven Energie im Raum, hat den Workshop für mich zu einem besonderen Erlebnis gemacht.
Besonders inspirierend war es für uns als Workshopleiterinnen, während der Gruppenarbeitsphasen durch den Raum zu gehen und die zahlreichen, sehr unterschiedlichen Gespräche mitzuerleben. Dabei wurde deutlich, wie vielfältig die beruflichen Hintergründe, Erfahrungen und Perspektiven der Teilnehmerinnen sind.
Gleichzeitig zeigte sich, wie groß das Bedürfnis nach Austausch und gegenseitiger Unterstützung ist. Diese Offenheit und das Engagement aller Beteiligten haben die besondere Atmosphäre des Abends maßgeblich geprägt.
Wie blicken Sie persönlich auf das Frauennetzwerk ingenieurinnen@bayika? Was gefällt Ihnen, was nicht und was sollte ergänzt werden?
Alle meine bisherigen Berührungspunkte mit dem Frauennetzwerk spiegelt das gleiche positive Bild wie der beschriebene Workshop-Abend wider. Es sind bereits jetzt so viele gewinnversprechende Ideen entstanden, ich freue mich sehr auf die Umsetzung und hoffe, auch an der ein oder anderen Stelle beteiligt zu sein.
In Zukunft fände ich es sehr spannend, wenn das Frauennetzwerk sich auch in der Förderung von Nachwuchstalenten in Schulen engagieren würde.
Frau Wolgast, wir danken Ihnen herzlich für das Gespräch!
Sehr gerne, vielen Dank für die vielfältige Interview-Reihe.
Fotos: privat
Ein gutes halbes Jahr ist das Netzwerk ingenieurinnen@bayika jung und bereits über 200 Mitglieder stark. Die Ingenieurinnen-Interviewreihe sowie die Veranstaltungen "Bauingenieurin: gestern, heute, morgen", die durch die bayerischen Regionen touren, haben sich bereits etabliert und sorgen für Sichtbarkeit von Ingenieurinnen. Um das BayIka-Frauennetzwerk zielgerichtet weiterzuentwickeln, können alle Mitglieder des Frauennetzwerks seit Mitte Juli an einer extra entwickelten Umfrage teilnehmen und uns ihre Ideen und Wünsche für die Zukunft mitteilen. Die Ergebnisse der Umfrage werden wir am 6. Oktober 2026 in Nürnberg vorstellen und dies verbinden mit einem zweiten großen Netzwerktreffen. Wir freuen uns auf euch!
Im Februar 2026 wurde das Netzwerk ingenieurinnen@bayika gegründet - und ist innerhalb kürzester Zeit rasant gewachsen. Im Juli durfte das Frauennetzwerk der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau bereits das 200. Mitglied begrüßen. Das Netzwerk ist ein Zusammenschluss der in der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau organisierten Frauen und hat sich zum Ziel gesetzt, den fachlichen und persönlichen Austausch von Ingenieurinnen zu stärken und die Frauen in den Bauberufen nachhaltig sichtbar zu machen.
Blickt man auf die Zahlen der Studienanfänger:innen, so ist das Geschlechterverhältnis in den Bau-Studiengängen inzwischen relativ gleich verteilt. Doch von 50:50 im Studium ist nach einigen Jahren Berufsleben nicht mehr viel übrig. Der Frauenanteil sinkt über die Jahre und gerade in den Führungspositionen sind Frauen eher die Ausnahme. Woran liegt das und wie lässt es sich ändern? Im Workshop "Change Management" hinterfragen wir mögliche Ursachen und erarbeiten in Kleingruppen Wege, wie sich bestehende Hürden überwinden lassen und wir zu nachhaltigen, strukturellen Veränderungen kommen.
Um Familie und Beruf in Einklang zu bringen, braucht es viel Abstimmung im Privaten, findet Maike Reuther, Tragwerksplanerin aus Regensburg. Ihre Erfahrung: Wenn Arbeitgeber ihren Mitarbeitenden bei der Arbeitszeitgestaltung entgegenkommen, ist das ein klarer Gewinn für beide Seiten. Beruflich bevorzugt sie gemischte Teams, aber einen Austausch rein unter Frauen, wie ihn das Netzwerk ingenieurinnen@bayika ermöglicht, schätzt sie sehr.
Das Netzwerk "ingenieurinnen@bayika" ist ein Zusammenschluss der in der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau organisierten Frauen. Ziel des BayIka-Frauennetzwerkes ist es, den fachlichen und persönlichen Austausch zu stärken und die Frauen in den Bauberufen nachhaltig sichtbar zu machen. Um dies zu erreichen, interviewen wir Frauen aus dem Bauwesen und laden regelmäßig zu Veranstaltungen in die verschiedenen Regionen Bayerns ein. Die Kick-Off-Veranstaltung zur Gründung des Netzwerks ingenieurinnen@bayika.de fand am Donnerstag, den 5. Februar 2025 in München statt.
Die gebaute Umwelt gestalten, diese Vorstellung reizte Nina Jelínek bereits als Schülerin. Die junge Ingenieurin achtet bei den von ihr geplanten Bauwerken darauf, dass sie Sicherheit, Teilhabe und Lebensqualität von Menschen miteinander verbinden. Sie ist außerdem überzeugte Netzwerkerin.
Anita Reichl-Lachmann ist eine von bundesweit nur fünf weiblichen Prüfsachverständigen im konstruktiven Ingenieurbau im Eisenbahnbereich. Sie absolvierte vor ihrem Studium eine Ausbildung zur Bauzeichnerin. Anschließend ging sie im gleichen Büro den Weg von der Werksstudentin zur geschäftsführenden Gesellschafterin.
Mehr als 70 Ingenieurinnen waren Anfang Februar zur Gründungsveranstaltung des neuen Frauennetzwerks „ingenieurinnen@bayika“ der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau gekommen. Im Interview spricht die Bundesingenieurkammer mit Stephanie Sierig, Bauingenieurin und Vorsitzende des Ausschusses Leben | Arbeit | Karriere der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau. In diesem Ausschuss ist die Idee zur Gründung des Frauennetzwerks entstanden.
Hertha Ulm ist das älteste weibliche Mitglied der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau und der Kammer seit ihrer Gründung verbunden. Sie war eine von drei weiblichen Mitgliedern der ersten Vertreterversammlung. Eine starke berufsständische Vertretung ist für sie elementar. Berufspolitische Arbeit ist von Höhen und Tiefen gekennzeichnet, doch steter Tropfen höhlt den Stein, findet sie. Hertha Ulm führte viele Jahre lang ein Büro für Tragwerksplanung in Erlangen und ist auch mit Ende 80 noch zwei Tage die Woche im Büro.
Wie bei so vielen Ingenieurinnen und Ingenieuren wurde auch bei Ulrike Steinbach das Interesse am Bauen schon in Kindertagen geweckt. Ihre Vorbilder waren Mutter und Opa, die ein Architekturbüro betrieben. Steinbach ist inzwischen seit vielen Jahren neben ihrem Hauptjob auch in den Gremien der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau und auf Verbandsebene aktiv. Sie ist Mitglied im Arbeitskreis Gleichstellung und gehört der Vertreterversammlung der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau an.
Gemischte Teams erzielen bessere Ergebnisse, findet Angelika Rudloff. Passenderweise leitet sie den Arbeitskreis Gleichstellung der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau und teilt sich den Vorsitz mit Paul Haider. Sie wünscht sich einen höheren Anteil von Frauen in Führungspositionen, sieht aber in gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen mehrere Hemmnisse. " Positiv sehe ich, dass die Kammer offen ist für eine stärkere Beteiligung von Frauen – sowohl in der Vertreterversammlung als auch im Vorstand. Aber angesichts der niedrigen Gesamtzahlen an Bauingenieurinnen und der geringeren Besetzung von Führungspositionen bleibt dieses Ziel eine große Herausforderung", sagt Rudloff.
"Das schaffst du nicht!" – sagte einst ein Bekannter zu Vesela Krasteva-Stoltmann, als sie ihm erzählte, dass sie Bauingenieurwesen studieren wolle. "Jetzt erst recht!", war ihre Reaktion. Und inzwischen steht sie in diesem Beruf erfolgreich ihre Frau. Beim Regionalforum "Bauingenieurin – gestern, heute, morgen" in Deggendorf am 2. Juli 2025 erzählte sie von ihrem Werdegang. Lesen Sie hier das Interview mit Vesela Krasteva-Stoltmann.
Mehr Pippi Langstrumpf wagen – mit diesem Appell sprach sich Anneliese Hagl Mitte Februar beim Regionalforum "Bauingenieurin – gestern, heute, morgen" in Nürnberg für mehr Frauen in der Baubranche und in Führungspositionen aus. Zum Auftakt unserer Interviewserie mit Frauen im Ingenieurwesen haben wir mit der Glasbauexpertin gesprochen.
Die Baubranche befindet sich im Wandel, auch hinsichtlich der Struktur der am Bau Beteiligten. War die Baubranche bis vor ein paar Jahrzehnten vor allem eine Männerdomäne, ergreifen heute immer mehr Frauen ein Ingenieurstudium und streben nach verantwortungsvollen Positionen oder eröffnen ein eigenes Büro. Der Ausschuss „Leben | Arbeit | Karriere“ hatte am 13.02.2025 unter dem Motto "Bauingenieurin: Gestern, heute, morgen“ zum Austausch unter Kolleginnen und Kollegen aller Disziplinen zum Regionalforum nach Nürnberg eingeladen. Lesen Sie hier unseren kurzen Rückblick und sehen sich die Fotos an!
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