08.10.2026 -
Künstliche Intelligenz verändert das Ingenieurwesen rasant, doch wer setzt ihr Grenzen? In seinem Kommentar warnt Dr.-Ing. Heinrich Bökamp, der Präsident der Bundesingenieurkammer, vor blindem Technikvertrauen und überbordender Regulierung. Seine zentrale Botschaft: Nur Bildung, kritisches Denken und Verantwortungsbewusstsein sichern unsere technologische Souveränität. Jeder in Bildung investierte Euro ist ein Investment in eine unabhängige und freie Gesellschaft.
Wie weit darf der Einsatz Künstlicher Intelligenz gehen? Und wer entscheidet darüber? Diese Fragen sind längst keine Zukunftsmusik mehr. Sie sind Teil einer Debatte, die von Entwicklern und Wegbereitern der Technologie selbst angestoßen wurde.
Microsoft-Gründer Bill Gates fordert angesichts der wachsenden Risiken von KI gesetzliche Vorgaben und verbindliche Sicherheits- und Kontrollmechanismen. Selbstregulierung allein reiche nicht aus, so seine jüngste Forderung. Wir werden uns auch der Frage stellen müssen: Führt eine intensivere Vernetzung eigentlich auch zu mehr Verbundenheit?
Doch welche Regeln brauchen wir tatsächlich? Wo muss der Staat eingreifen, wo reichen technische Standards oder Selbstverpflichtungen? Und wie schaffen wir Regulierung, die Risiken begrenzt, ohne Innovation abzuwürgen?
Die europäische KI-Regulierung geht bereits einen solchen Weg: Der AI Act setzt auf einen risikobasierten Ansatz. Doch Gesetze und Regeln können nicht jede Entwicklung erfassen. Was passiert, wenn technische Möglichkeiten viel schneller fortschreiten als regulatorische Antworten?
Gerade KI entwickelt sich mit solch rasanter Geschwindigkeit, dass die Regulierung kaum Schritt halten kann. Und wer beurteilt im konkreten Anwendungsfall, ob ein KI-generiertes Ergebnis richtig, plausibel oder gefährlich ist?
Hier kommt das Thema Bildung ins Spiel. Denn verantwortungsvoller Umgang mit KI beginnt nicht erst bei der Regulierung, sondern bei der Fähigkeit des Menschen, Technologie zu verstehen und ihre Ergebnisse kritisch zu hinterfragen. Der Wissenschaftsrat spricht deshalb von „intellektueller Souveränität“ und fordert, kritisches Denken, Fachwissen und eigenständiges Urteilen gerade in Zeiten generativer KI zu stärken.
Ist das nicht der eigentliche Kern einer zukunftsfähigen Bildung? Nicht nur zu lernen, wie eine Technologie funktioniert, sondern auch zu fragen, wofür wir sie einsetzen wollen und wo wir Grenzen ziehen müssen?
Für eine Wissensgesellschaft ist diese Frage von zentraler Bedeutung. Und sie betrifft das Ingenieurwesen in besonderem Maße. Die Chance der Gestaltung unserer Zukunft ernst zu nehmen, gehört zu den großen Aufgaben unseres Berufsstandes.
Mit KI entstehen enorme neue Möglichkeiten. Planungen können schneller und präziser werden, komplexe Daten lassen sich besser auswerten, neue Lösungswege entstehen. Die Antwort kann weder lauten, KI grundsätzlich abzulehnen, noch ihr blind zu vertrauen.
Wir brauchen Menschen, die beides können: Innovation ermöglichen und ihre Folgen verantwortungsvoll beurteilen. Fachwissen, kritisches Denken und ethische Verantwortung gehören im Ingenieurwesen zusammen. Gerade dort, wo Entscheidungen Menschen, Sicherheit und Gemeinwohl betreffen, muss klar sein: KI kann unterstützen, wir müssen jedoch die Grenzen ihres Einsatzes aushandeln und festlegen.
Das Bewusstsein und die Fähigkeiten dafür zu schaffen, ist Aufgabe von Bildungs- und Hochschulpolitik. Wenn wir wollen, dass die Gesellschaft ihre technologische Souveränität behält, müssen wir nicht nur in Rechenleistung und digitale Infrastrukturen investieren. Wir müssen vor allem in die Menschen investieren, die diese Technologien entwickeln, anwenden und verantworten.
Vielleicht ist deshalb die wichtigste Frage der KI-Debatte nicht: Was wird KI irgendwann alles können? Sondern: Was müssen wir beherrschen, um entscheiden zu können, was der Einsatz von KI darf und wo wir Grenzen ziehen müssen?
Denn technischer Fortschritt braucht Regeln. Vor allem aber braucht er Menschen mit Wissen, Urteilskraft und Verantwortungsbewusstsein. Jeder in Bildung investierte Euro ist heute mehr denn je ein Investment in eine unabhängige und freie Gesellschaft.
Dr.-Ing. Heinrich Bökamp
Präsident der
Bundesingenieurkammer
Quelle: Bundesingenieurkammer, Foto: Samuel Becker/ BIngK
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