26.10.2026 -
Faire Vergabebedingungen, die Sichtbarkeit des Berufsstandes und neue Wege der Nachwuchsgewinnung: Beim Verbändegespräch der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau mit den bayerischen Ingenieurverbänden am 19. Oktober 2026 in München standen zentrale Zukunftsfragen des Berufsstands im Mittelpunkt. Weitere Schwerpunkte waren künstliche Intelligenz, digitale Souveränität und die Anpassung an den Klimawandel. Der Austausch zeigte zahlreiche Ansatzpunkte, um Erfahrungen zu bündeln und gemeinsame Anliegen voranzubringen.
Wie können Ingenieurinnen und Ingenieure ihre gesellschaftliche Bedeutung stärker sichtbar machen? Welche Rahmenbedingungen brauchen unabhängige Planungsbüros? Und wie verändert die Digitalisierung die tägliche Arbeit? Diese Fragen verbanden die unterschiedlichen Fachrichtungen beim diesjährigen Verbändegespräch. Neben berufspolitischen Themen stellten Kammer und Verbände aktuelle Projekte, Netzwerke und Angebote vor.
Breiten Raum nahm das Vergaberecht ein. Aus Sicht der Gesprächsteilnehmenden müssen einfachere und schnellere Verfahren mit fairen Wettbewerbsbedingungen für kleine und mittelständische Planungsbüros verbunden werden.
Die Erfahrungen mit höheren Wertgrenzen für Direktaufträge wurden positiv bewertet. Zugleich wurde betont, dass die Auswahl geeigneter Büros und die Qualität der Leistungen auch bei vereinfachten Verfahren entscheidend bleiben.
Auf Bundes- und europäischer Ebene begleitet die Kammer die Weiterentwicklung des Vergaberechts. Ein zentrales Anliegen ist dabei der Erhalt des Losgrundsatzes, der mittelständischen Unternehmen den Zugang zu öffentlichen Aufträgen ermöglicht. Mit Blick auf die europäische Reform wurde dafür geworben, ausreichende Spielräume für nationale Besonderheiten zu erhalten.
Auch die Weiterentwicklung der Honorarordnung für Architekten und Ingenieure war Thema. Während die Modernisierung der Leistungsbilder im Gespräch gut vorankomme, bestehen bei den Honorartafeln weiterhin offene Fragen. Berichte über erhebliche Preisabschläge in Vergabeverfahren unterstrichen die Forderung nach angemessenen Honoraren und verlässlichen Rahmenbedingungen für qualitätsvolle Planung.
Intensiv diskutiert wurde die wahrgenommene Verschiebung hin zu General- und Totalunternehmervergaben. Als mögliche Gründe wurden der Wunsch nach weniger Schnittstellen, begrenzte personelle Kapazitäten auf Auftraggeberseite und die Bündelung von Verantwortung genannt.
Dem wurde entgegengehalten, dass Koordination, Qualitätssicherung und Risikovorsorge auch bei einer gebündelten Vergabe erforderlich bleiben und im Gesamtpreis enthalten sind. Eine sorgfältige Vorbereitung, klare Entscheidungen und eine belastbare Planung seien unabhängig vom gewählten Modell unverzichtbar.
Die Diskussion blieb dabei differenziert: Nicht jedes Projekt erfordert dieselbe Organisationsform. Entscheidend sei, das geeignete Modell für die jeweilige Aufgabe auszuwählen und die Vorteile unabhängiger Planung und einzelner Fachvergaben nachvollziehbar darzustellen. Zugleich wurde die eigene Branche angesprochen: Gute Zusammenarbeit, verlässliche Abstimmung und professionelles Schnittstellenmanagement sind Voraussetzungen, um Bauherren und Auftraggeber von diesen Modellen zu überzeugen.
Künstliche Intelligenz beschäftigt sowohl die Kammer als auch die Fachverbände. Die Beiträge zeigten unterschiedliche Erfahrungen und Einschätzungen – von ersten Anwendungen im Büroalltag bis zu Fragen nach geeigneten Einsatzfeldern und den Grenzen der Technologie.
Die Kammer stellte ihren neuen Leitfaden zur künstlichen Intelligenz in der Planung vor. Daneben wurde eine überarbeitete Publikation zu „BIM in der Praxis“ präsentiert.
Über einzelne Werkzeuge hinaus richtete sich der Blick auf die künftige Rolle von Ingenieurinnen und Ingenieuren. In der Diskussion wurde dafür geworben, den eigenen Beitrag nicht auf die Anwendung von Normen und Checklisten zu reduzieren. Kreativität, fundiertes Grundlagenwissen und die Fähigkeit, neue Lösungen zu entwickeln und fachlich zu beurteilen, wurden als zentrale Kompetenzen hervorgehoben. Daraus ergeben sich auch Fragen für Studium, Weiterbildung und die strategische Entwicklung der Büros.
Mit der Digitalisierung wachsen auch Abhängigkeiten von Softwareanbietern und digitalen Infrastrukturen. Die Verbände regten an, digitale Souveränität stärker in politischen Gesprächen aufzugreifen. Im Mittelpunkt standen Datenhoheit, Verfügbarkeit und die Möglichkeit, bei Ausfällen oder veränderten Rahmenbedingungen handlungsfähig zu bleiben. Dabei ging es nicht darum, sämtliche bestehenden Lösungen zu ersetzen. Vielmehr wurde dafür geworben, Alternativen und Wechselmöglichkeiten mitzudenken und die Risiken einseitiger Abhängigkeiten bewusster zu bewerten. Auch die Cybersicherheit von Ingenieurbüros wurde als wichtiges Handlungsfeld angesprochen.
Die Berichte aus den Verbänden machten zudem deutlich, dass digitale Verfahren nur dann einen Mehrwert bieten, wenn sie durchgängig funktionieren. Medienbrüche, zusätzliche Papieranforderungen und umständliche Abläufe erschweren die praktische Anwendung. Ob beim digitalen Bauantrag, bei Vermessungsdaten oder bei bautechnischen Prüfungen: Ziel müssen einfachere und verlässlichere Prozesse sein.
Ein weiterer Schwerpunkt war die Nachwuchsgewinnung. Die Kammer berichtete über Netzwerktage an den bayerischen Hochschulen, bei denen Studierende mit potenziellen Arbeitgebern zusammenkommen, sowie über Veranstaltungen für junge Ingenieurinnen und Ingenieure. Exkursionen, persönliche Begegnungen und Einblicke in mögliche Berufswege schaffen dabei konkrete Anknüpfungspunkte.
Schon früher setzt der Schülerwettbewerb Junior.ING an. Die kommende Wettbewerbsrunde widmet sich dem Bau von Skywalk-Modellen und verbindet kreatives Gestalten mit konstruktiven Fragestellungen.
Neue Perspektiven für die Öffentlichkeitsarbeit eröffnete außerdem eine Zusammenarbeit mit der Hochschule Macromedia. In dem Projekt entwickeln Studierende Konzepte für eine Nachwuchskampagne, die die Bedeutung des Ingenieurwesens im Alltag vermittelt und die häufig wenig sichtbaren, zugleich aber unverzichtbaren Leistungen des Berufsstands herausstellt. Die Ideen sollen weiterentwickelt werden.
Ein wichtiger Gedanke aus dem Austausch: Wer für den Beruf begeistern will, muss neben schwierigen Rahmenbedingungen auch seine Gestaltungsmöglichkeiten zeigen und junge Menschen mit passenden Inhalten auf den von ihnen genutzten Kanälen erreichen.
Das neue Frauennetzwerk der Kammer wurde als Beispiel für ein stark nachgefragtes Angebot vorgestellt. Es schafft durch Interviews, regionale Treffen und fachlichen Austausch mehr Sichtbarkeit und Möglichkeiten zur Vernetzung. Ergänzend ist ein Mentoringprogramm vorgesehen, dessen Start für das zweite Quartal 2027 geplant ist.
Aus den Verbänden wurden Erfahrungen mit eigenen Netzwerken und Mentoringangeboten eingebracht und Kontakte für einen weiteren Austausch angeboten. Auch bei Fachveranstaltungen bestehen Möglichkeiten zur Zusammenarbeit: Gemeinsame Angebote und eine abgestimmte Kommunikation können helfen, Interessierte besser zu erreichen und ehrenamtliche Ressourcen wirksamer einzusetzen.
Zugleich wurde deutlich, dass digitale Mitgliederangebote allein noch keine stärkere Beteiligung garantieren. Verständliche Abläufe, persönliche Ansprache und ein erkennbarer Nutzen bleiben entscheidend, um Mitglieder zu gewinnen und dauerhaft einzubinden.
Die Beiträge aus den Verbänden erweiterten den Austausch um aktuelle Aufgaben in Wasserwirtschaft, Verkehr, Vermessung, Arbeitsschutz und bautechnischer Prüfung.
Aus der Wasserwirtschaft wurden insbesondere Dürre, Wasserverfügbarkeit und wassersensibles Planen und Bauen angesprochen. Schwammstadtkonzepte sowie grüne und blaue Infrastruktur wurden als wichtige Ansätze für die Anpassung von Städten und Gemeinden genannt. Weitere Themen waren die Weiterentwicklung wasserrechtlicher Rahmenbedingungen und digitale Datengrundlagen.
Die Eisenbahningenieurinnen und -ingenieure berichteten unter anderem über Fachveranstaltungen zu Kommunikationstechnik, kritischen Infrastrukturen und zur Untersuchung von Eisenbahnunfällen. Im Arbeitsschutz standen neben Vergabe- und Honorarfragen auch der mögliche KI-Einsatz, Rahmenverträge und die Weiterentwicklung einschlägiger Regelwerke im Fokus. Aus Vermessung und bautechnischer Prüfung wurden Fragen der Digitalisierung, beruflicher Qualifikationen und der Nachwuchsgewinnung eingebracht.
Wie vielfältig Ingenieurleistungen bei der Gestaltung zukunftsfähiger Kommunen sind, zeigt ein von der Kammer vorgestelltes Wimmelbild. Es soll unter anderem Themen wie Mobilität, Energie, Kreislaufwirtschaft und Klimaanpassung anschaulich vermitteln. Ergänzend ist eine digitale Sammlung guter Praxisbeispiele vorgesehen. Die Verbände wurden eingeladen, passende Projekte aus ihren Mitgliedsunternehmen einzubringen.
Das Verbändegespräch zeigte, wie eng viele Herausforderungen über die Fachrichtungen hinweg zusammenhängen. Qualitätssicherung, faire Vergabe, Digitalisierung und Nachwuchsgewinnung betreffen den gesamten Berufsstand.
Der Austausch bot dafür nicht nur eine Bestandsaufnahme, sondern auch konkrete Ansatzpunkte für eine engere Zusammenarbeit: Erfahrungen teilen, Kontakte vermitteln, Veranstaltungen vernetzen und gemeinsame Positionen gegenüber Politik und Öffentlichkeit stärken. Dabei wurde deutlich, dass Ingenieurinnen und Ingenieure ihre fachliche Kompetenz und ihren Beitrag für eine funktionierende, sichere und zukunftsfähige Gesellschaft selbstbewusst sichtbar machen müssen.
Folgende Verbände waren beim Verbändetreffen 2026 dabei:
Quelle und Fotos: Bayerische Ingenieurekammer-Bau, Autor: Jan Struck
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